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Nahost Mehr Waffen, mehr Drohungen, mehr Militär

Donald Trumps Entscheidung gegen das Atomabkommen mit dem Iran könnte im Nahen Osten ein atomares Wettrüsten auslösen. Das hätte Folgen für die ganze Welt. Der Leitartikel.

Eskalation auf den Golan-Höhen
Ein israelischer Panzer auf den Golanhöhen. Foto: rtr

Donald Trump hat seinen Auftritt gehabt. Jetzt geht die Kriegsangst um. In den europäischen Hauptstädten rätseln die Diplomaten, wie sich das Atomabkommen mit dem Iran noch retten lässt. Russlands Präsident Wladimir Putin mahnt alle Seiten und sonnt sich in seiner wachsenden Bedeutung als internationale Schlüsselfigur des nahöstlichen Chaos. China lässt es mit ein paar Ermunterungen an Teheran bewenden, in seinem wirtschaftlichen Kosmos liegt der Iran sowieso nur am Rande.

Sicher aber ist eins: Der Nahe und Mittlere Osten wird durch Trumps Paukenschlag nicht friedlicher und stabiler. Im Gegenteil: Zu den vertrackten und blutigen Tumulten kommen neue, unabsehbare Gefahren hinzu, die der unruhigsten Region des Globus endgültig den Rest geben könnten. Das seit Jahrzehnten einzige und beste Stück diplomatischer Konfliktregelung im Orient zerriss der US-Präsident am Dienstag mit eisiger Miene in Fetzen. Und jetzt kehren alle Akteure wieder zu ihrem üblichen Arsenal zurück – noch mehr Waffen, noch mehr Zerstörung, noch mehr Drohungen und noch mehr Militär.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri hat errechnet, dass sich die Waffenimporte des Nahen und Mittleren Ostens in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben. Obwohl in der Region nur fünf Prozent der Weltbevölkerung leben, gehen 32 Prozent aller Waffenlieferungen hierher – allen voran nach Saudi-Arabien. Irans Armee dagegen hat der kombinierten Militärmacht von Amerika und seinen arabischen Golfverbündeten trotz aller vollmundigen Propaganda nur wenig entgegenzusetzen.

Streben nach regionaler Dominanz

In den sozialen Medien wird dieses Missverhältnis karikiert durch eine Karte Irans, umringt von US-Stützpunkten. Wie könnt ihr es wagen, euer Land mitten zwischen unsere Militärbasen zu legen, lautet die spöttische Unterzeile. Entsprechend verlegte sich die Islamische Republik stets auf asymmetrische Strategien, auf Provokationen und politischen Druck, auf gesellschaftliche Wühlarbeit, religiöse Mobilisierung und den Einsatz von Milizen.

Doch in ihrem Streben nach regionaler Dominanz wäre die schiitische Vormacht nie so weit gekommen, hätte es nicht schon einmal eine katastrophale Fehlentscheidung des Weißen Hauses gegeben – den Einmarsch in den Irak und den Sturz von Saddam Hussein 2003 durch den damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Das öffnete Tür und Tor für die Strategen des Gottesstaates. 

Seitdem geht in Mesopotamien nichts mehr ohne die Herren aus Teheran. Sie legten damals den Grundstein für die mächtige schiitische Einflusszone quer durch die Kernregion der arabischen Welt, die heute von Teheran bis nach Beirut reicht. Der brachiale Versuch von Nach-Nachfolger Donald Trump, die von den USA selbst herbeigebombte Hegemonie Irans durch neue Gewaltandrohung und Sanktionen wieder einzudämmen, könnte sich als ein noch viel größeres Desaster entpuppen als Bushs verfehlter „Iraqi Freedom“-Feldzug.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Iran

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