Lade Inhalte...

Mischkonzerne Zerschlagung kann sinnvoll sein

Einen Mischkonzern zu zerschlagen, kann sinnvoll sein, wenn die Struktur nicht mehr passt. Aber trifft das immer zu? Etwa bei Thyssenkrupp? Der Leitartikel

ThyssenKrupp
Das Thyssenkrupp-Stahlwerk Schwelgern (r.) im Licht des Sonnenuntergangs. Foto: dpa

Das Rezept ist in seiner Plausibilität schon beinahe verdächtig: Man nehme eine richtig erfolgreiche Sparte eines beliebigen Industriekonglomerats und spalte sie von der großen Muttergesellschaft ab. Schon ist es für das Management möglich, sich intensiver um Märkte und Rivalen zu kümmern, die man vielleicht auch eines Tages übernehmen kann. Mitarbeiter werden besser motiviert. Denn wer arbeitet schon gerne in einem miefigen Gemischtwarenladen? Und es wird einfacher, sich Kredite bei Banken zu beschaffen oder neue Anteilseigner an Bord zu holen. Eine richtig erfolgreiche Sparte verdient viel Geld und kommt deshalb einfacher an frisches Kapital.

So oder ähnlich wird die Zerschlagung von Unternehmen gerne von Investmentbankern, Fondsmanagern, aktivistischen Finanzinvestoren und Unternehmensberatern gerechtfertigt. Wer glaubt, dass dies lediglich manipulatives Gequatsche von Interessierten ist, ignoriert die Wirklichkeit. Die Zahl sogenannter Desinvestitionen liegt international und in Deutschland auf sehr hohem Niveau. Im vorigen Jahr haben sich laut Prüf- und Beratungsgesellschaft EY hierzulande Firmen von Unternehmensteilen getrennt, deren Wert bei knapp 61 Milliarden Euro lag.

Experten gehen davon aus, dass der große Ausverkauf aber erst noch kommen wird. Aus zwei Gründen: Ein Unternehmen, das eine Abspaltung erfolgreich hinter sich gebracht hat, ist im hohen Maß bereit, weitere Desinvestitionen anzugehen, so das Ergebnis einer EY-Umfrage. Noch viel wichtiger: Die forcierte Digitalisierung krempelt Firmen in einer bislang nicht gekannten Geschwindigkeit um. Sparten passen nicht mehr ins Konzept. Ihr Verkauf kann tatsächlich Kapazitäten fürs Neue freisetzen, die Erlöse können für Investitionen eingesetzt werden.

Als Referenzen für erfolgreiche Desinvestitionen gelten die Herauslösung von Osram aus dem Siemens-Konzern oder die Abspaltung der Kunststoffsparte Covestro von der Mutter Bayer in mehreren Schritten. Seit seinem Börsengang in Jahr 2015 hat das Covestro-Papier mehr als 200 Prozent an Wert gewonnen.

Auch für Gewerkschafter und Betriebsräte ist klar: Wer sich insbesondere in der Chemiebranche, im Maschinen- und Anlagenbau oder in der Autoindustrie um das Thema drückt, hat schon verloren. Längst fordern Aktionäre, dass Daimler und Volkswagen sich ihrer Lkw-Sparten entledigen. Die Welt der Personenwagen mit Elektromobilität und Carsharing bewege sich immer weiter vom Geschäft mit Lastwagen weg. Der Vorstand könne sich nur nebenbei um die Laster kümmern. Die Einzelteile von Daimler seien rund ein Viertel mehr wert als der heutige, integrierte Konzern. Ähnlich sehen hypothetische Rechnungen für Volkswagen mit seinen Lkw-Töchtern MAN und Scania aus.

Das krasse Musterbeispiel für einen Zerschlagungskampf ist Thyssenkrupp. Hier handelt es sich um einen Laden mit gemischter Stahlware. Der schwedische Finanzinvestor Cevian hat die Potenziale – vor allem der Aufzugs- und der Autozuliefersparte – früh erkannt und seine Anteile kontinuierlich gesteigert auf mittlerweile mehr als 18 Prozent.

Cevian wurde lange unterschätzt. Insbesondere von der Krupp-Stiftung, dem größten Anteilseigner. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat dort ein gewichtiges Wort. Doch auch er hat nicht verhindert, dass zunächst Konzernchef Heinrich Hiesinger und dann Aufsichtsratschef Ulrich Lehner ihren Hut nahmen, weil sie keinen Ausweg mehr aus dem Hauen und Stechen der Großaktionäre sahen.

Cevian zählt zu den aktivistischen Aktionären. Das ist ein feststehender Begriff für Anteilseigner, die mit allen Mitteln – inklusive aggressiver Medienkampagnen – versuchen, Zerschlagungen durchzusetzen. In Deutschlands technologielastiger Industrie finden sie eine wachsende Angriffsfläche.

Brandgefährlich daran ist: Aktivisten haben es auf das schnelle Geld abgesehen, etwa wenn sie am Börsengang eines abgespaltenen Unternehmensteils partizipieren. Wie die Spätfolgen in fünf oder zehn Jahren für die Muttergesellschaft und die Ex-Tochter aussehen, interessiert sie nicht. Genau das jedoch ist für die Beschäftigten entscheidend.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen