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Mesut Özil Im Fall Özil geht es ums Differenzieren

In der Debatte über Mesut Özil gehen Argumente und Vorurteile ziemlich wild durcheinander. Hat fundierte Kritik noch eine Chance? Der Leitartikel.

Mesut Özil
Mesut Özil jubelt 2012 über einen Treffer für Real Madrid. Foto: dpa

Zur Erinnerung: Der Herr Müller hat bei der Weltmeisterschaft auch nicht besser gespielt als der Herr Özil. Aber der Herr Müller hat weder ausländische Vorfahren, noch hat er sich mit einem Politiker fotografieren lassen, der mit Demokratie etwa so viel am Hut hat wie Mesut Özil mit der Innenverteidigung auf dem Platz.

Damit sind zwei Aspekte schon benannt, die sich in der Sache Özil oft ungesund vermischen: Es geht mal um den Sportler Özil und mal um den „Türken“, und manche reden vordergründig über den Sportler, obwohl es ihnen offensichtlich um den „Türken“ geht. Auf der Strecke droht zu bleiben, wer das konkrete Verhalten des deutschen Staatsbürgers und Nationalspielers Mesut Özil zu bewerten versucht.

Was den Fußballer betrifft, sind die Meinungen schon lange geteilt. Was den „Türken“ betrifft, wird eine Polarisierung sichtbar, die jeden Freund des Arguments fast verzweifeln lassen muss: Auf der einen Seite stehen, vor allem in den „sozialen“ Medien, die widerlichsten Ausbrüche von Hass, denen mancher Verbandsfunktionär im Deutschen Fußballbund durch vermeintlich harmlose Äußerungen auch noch Futter gegeben hat: Özil, der „Türke“, soll sich nach Anatolien verpissen, so die Hasskommentare, und, so die Funktionäre, man hätte ihn erst gar nicht mitspielen lassen sollen.

Auf der anderen Seite stehen türkische Regierungspolitiker und deren Anhänger auch in der hiesigen Community, die den Fall Özil nun begeistert für ihre politischen Zwecke nutzen: Der Spieler habe, so Justizminister Abdulhamit Gül, das „schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen“. Als hätte der Verantwortliche für eine „Justiz“, die Andersdenkende unter fadenscheinigsten Vorwürfen wegsperrt, irgendeine Ahnung von Antifaschismus.

Auf welche Seite soll man sich da stellen? Auf die der rechten Rassisten oder auf die der Rechtsstaats-Verächter? Oder auf die der Sportfunktionäre, die irgendwo dazwischen herumlavieren? Auf keine von ihnen, natürlich nicht! Oder andererseits: Gilt es den Spieler schlicht zu verteidigen, sowohl gegen die Rassisten als auch gegen diejenigen, die ihn für die Zwecke des Erdogan-Regimes missbrauchen? Nein, auch das muss nicht sein.

Die Affäre um Özil ist einer dieser Fälle, in denen es gilt, die demokratische Debattenkultur gegen die oft allzu plumpen Konstellationen zu verteidigen, die in den öffentlichen Erregungssystemen die Oberhand zu gewinnen drohen. Es geht also ums Differenzieren, und das ist wahrlich nicht einfacher geworden in diesen Zeiten, was im übrigen sehr viel mit der Erfolgsgeschichte des Rechtspopulismus zu tun hat.

Um es an einem ganz anderen Beispiel festzumachen: Am vergangenen Wochenende haben die Finanzminister der G20-Staaten getagt, und wieder einmal standen dem nationalen Egoismus der US-Regierung die Freunde des Freihandels gegenüber. Was fehlte, war diejenige Position, die weder dem Protektionismus à la Trump das Wort reden will noch der Art Freihandel, wie die EU mit Deutschland an der Spitze sie zu propagieren pflegt.

Mit anderen Worten: Müssen wir das neue Freihandels-Abkommen mit Japan begrüßen, weil es eine Alternative zu Trump darstellt? Auch wenn es einen zentralen Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge, nämlich die Wasserversorgung in ihrer jetzigen Form, gefährdet? Muss es wirklich so bleiben, dass andere Alternativen in den politischen Debatten ein Schattendasein führen – zum Beispiel ein Freihandel, dem der Zugriff auf die öffentliche Daseinsvorsorge wirksam entzogen wird?

Nein, das muss sich ändern. Um zum Fall Özil zurückzukommen: Es wäre ein Armutszeugnis für die politische Kultur, wenn den Gegnern des Rassismus nichts anderes übrig bliebe, als den zurückgetretenen Nationalspieler ohne Einschränkung zu unterstützen.

Klar, gegen Rassisten muss Özil verteidigt werden wie jede und jeder andere auch. Verteidigt werden muss er auch gegen diejenigen, die vielleicht keine Rassisten sind, aber nicht verstehen, dass Mehrheitsgesellschaften lernen müssen, die „zwei Herzen“ in der Brust von Menschen mit Migrationsbiografie zu akzeptieren – oder bestenfalls als Bereicherung anzunehmen. Das gilt auch dann, wenn diese Menschen glauben, dass hohe politische Ämter im Land ihrer Vorfahren Respekt verdienen.

Aber es muss nicht bedeuten, eine Aktion wie Özils Fototermin mit Recep Tayyip Erdogan oder gar seine fragwürdigen Rechtfertigungen gleich mit zu verteidigen. Dieser Auftritt mitten im Wahlkampf ist entweder sehr großer Dummheit entsprungen oder – das wäre noch schlimmer – dem bewussten Wunsch nach Unterstützung des Despoten.

Es wäre ein Sieg des Rechtspopulismus, wenn die Kritiker dieses Verhaltens den Mund halten würden, weil Özil auch von rechts angegriffen wird. Oder wenn die seriösen Kritiker schlechter Freihandelsabkommen still wären, weil auch die Nationalisten dagegen sind.

Es ist Zeit, wieder Mut zum abwägend-kritischen Denken und Reden zu finden. Sonst haben es die rechten Systemverächter viel zu leicht.

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