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Merkel bei Trump Arbeit, sonst nichts

Es kann der EU helfen, wenn sich Merkel und Macron ergänzen. Dann macht es nichts, wenn die Kanzlerin an Einfluss verliert. Der Leitartikel.

Merkel und Trump
Das Bild, das beim G7-Gipfel vor einem Jahr entstand, spricht Bände. Foto: imago

Ein Arbeitstreffen mit Donald Trump. Was Angela Merkel in Washington vor hat, klingt sehr nüchtern, wenig glamourös und obendrein widersinnig: Arbeiten mit einem Präsidenten, der eine immer wieder bezeugte sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne hat und Politik am liebsten über Twitter-Kurznachrichten betreibt – geht das? Das Wort allerdings beschreibt die Reise Merkels sehr präzise: Ein Treffen mit Trump ist Arbeit, sonst nichts.

Es ist eine delikate Aufgabe. Die transatlantischen Beziehungen, eine der zentralen Komponenten der deutschen Außenpolitik, beschränken sich zurzeit vor allem auf eines: auf das Verhindern von Schlimmerem. Die Lage ist dramatisch wie selten.

Der US-Präsident steht mit seinem Nein zum Atomabkommen mit dem Iran kurz davor, einen neuen nuklearen Wettlauf im Nahen Osten auszulösen. Er hat einen hohen Einsatz im Zoll-Poker gesetzt, bei dem es nur darum geht, wer weniger verliert. Zwei Termine stehen im Raum: Der 1. Mai ist entscheidend für die Zölle, bis Mitte des Monats läuft die Frist zum Atomabkommen.

Die Reise von Merkel erfolgt also in letzter Minute. Unwürdig kann man das finden, einen Kotau vor dem Wüterich im Weißen Haus. Es ist allerdings gar nicht so unklug: Momentane Stimmungslagen und der Eindruck des letzten Gesprächs scheinen entscheidend für Trumps Entscheidungen. Politik mit den USA ist also ein „Just-in-Time“-Geschäft, bei dem die Energie auf den Zeitraum kurz vor dem Stichtag konzentriert werden muss.

Trump wird es wohl mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, dass sich gleich zwei Europäer auf die Reise machen, um seine Gunst zu gewinnen. Er hat die Rangfolge der beiden Besuche klargemacht: Dem französischen Präsidenten kam die Ehre zu, Trumps erster ausländischer Staatsgast zu sein, es gab Küsschen, Getätschel und tiefe Blicke in die Augen. 

Macron ist ein Neuling wie Trump, er verkauft sich als Anti-Establishment und hat Sinn für pompöse Auftritte. Das hat die Misstrauensbasis vermindert. Merkel dagegen ist die Regierungschefin, die ihm an politischer Erfahrung weit voraus ist, die ihn angesichts seiner Wahl erstmal an demokratische Grundwerte erinnerte und mit seinem verhassten Vorgänger Barack Obama kumpelte. Für sie hat Trump ein paar Stunden übrig. 

Den billigen Spaß an der Demütigung via Staatsdiner kann Merkel Trump getrost lassen. Einen Wettlauf um Trumps Sympathie ist die Mühe nicht wert, zumal die Stimmungsschwankungen ja jederzeit den gerade noch besten Minister oder Freund zum größten Versager und Verräter aller Zeiten werden lassen. Und wie die Beziehung zu Macron dessen von den Demokraten umjubelten Auftritt im Kongress übersteht, wird sich zeigen.

Merkel hat die Stiche vor der Reise gesetzt: Australiens Premier und Mexikos Präsident schauten bei Merkel vorbei – die Europäer verbünden sich mit den Regionen, die bisher vor allem enge Partner der USA waren und jetzt ebenso irritiert scheinen. 

Angesichts der Dimension der Krise ist das Beklagen der schwindenden Führungsrolle Merkels und Deutschlands seltsam selbstbezogen. Es stimmt: Deutschland ist in seiner internationalen Rolle gerade an den Rand gerückt. Über lange Zeit war Merkel eine zentrale Figur in der internationalen Politik und die stärkste Stimme Europas. 

Vor einem Jahr, als die Kanzlerin zu ihrem Antrittsbesuch beim damals frisch gekürten US-Präsidenten fuhr, hatte sie ein US-Magazin gerade zur Führerin der freien Welt gekürt. Davon ist – auch wegen des langen Vakuums während der Regierungsbildung – keine Rede mehr. Über die Luftschläge in Syrien ist die Bundesregierung nur informiert worden, gefragt wurde sie nicht. 

Macron hat sich EU-Reformen ausgedacht, er hat einen spielerischen Draht zu Trump gefunden, indem er dessen Bedeutungssucht füttert und ihn freundlich lächelnd niedertätschelt. Merkel kann ihm diese Rolle überlassen, eine Aufgabenteilung nach Gelegenheit ist sinnvoll. Erst so wird das viel beschworene deutsch-französische Duo wirklich zu einem grenzüberwindenden.

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