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Leitartikel zur WM Getrübtes Vergnügen

In die Freude auf die Fußball-WM in Russland mischt sich bei vielen Unbehagen. Sie fragen: Darf man da überhaupt hinsehen? Der Leitartikel.

Putin und Infantino
Fifa-Präsident Infantino (l.) und der russische Präsident Putin (r.) in Moskau. Foto: afp

Heute Abend rollt er endlich, der Fußball bei der Weltmeisterschaft in Russland. Die Tipptabellen sind ausgefüllt, die ersten Grilltermine vor, während und zwischen den Partien abgesprochen. Überall freuen sich Menschen auf ihr Team und diesen besonderen Sport mit all seinen Facetten und darauf, Fremde und Freunde zu treffen – egal, ob in Russland, auf dem Weg dorthin oder in der Kneipe um die Ecke. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja ein russisches Sommermärchen.

Doch in die Vorfreude mischt sich bei vielen die Frage, ob man da überhaupt zuschauen darf. Schließlich wird die WM in einem Land ausgetragen, dessen Regierungsriege unter Führung von Wladimir Putin die Krim völkerrechtswidrig annektiert hat und mitverantwortlich für den Ukraine-Konflikt ist, um nur einige Vorwürfe zu nennen.

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Grundsätzlich kann man sagen, wird dieses Unbehagen uns so lange begleiten, so lange Großveranstaltungen wie die Fußball-WM oder die olympischen Spiele nicht nach demokratischen Kriterien, transparent und ohne Korruptionsverdacht vergeben werden.

Ermittlungen wegen Korruptionsverdacht

Das wird besonders deutlich an der Fußball-WM 2022 in Katar. Gegen die Hälfte der 24 Entscheider im zuständigen Fifa-Komitee ermitteln Staatsanwaltschaften wegen Korruptionsverdachts. Ganz zu schweigen von den politischen Verhältnissen in dem Golfstaat, den Bedingungen der Arbeiter, die die Stadien bauen, oder den Vorwürfen, das Land würde Terroristen unterstützen. Völlig absurd wird es, wenn man sich vorstellt, dass 2022 bei einem Glas Glühwein zur Weihnachtszeit in dem Wüstenstaat deutsche oder andere Fans ihren Stars zuschauen.

Doch selbst wenn Forderungen nach Transparenz berücksichtigt werden, garantiert das nicht, dass der Fußball nicht doch in politisch unruhiges Fahrwasser gerät. Das zeigt die Vergabe des Turniers 2026 am Mittwoch an das Trio USA, Mexiko und Kanada. Als sie sich bewarben, waren sie noch ziemlich beste Freunde. Seit der Amtsübernahme von US-Präsident Donald Trump hat sich mindestens das politische Verhältnis dramatisch verschlechtert.

Dieser in Teilen amüsante Randaspekt bei der WM-Vergabe ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Fall Russland. Doch als 2010 der Weltfußballverband Fifa Moskau den Zuschlag für die WM 2018 gab, dachte noch niemand an einen Krieg in Syrien oder an den Ukraine-Konflikt. Manch einer schwadronierte gar noch von einer waschechten Demokratie in Russland - trotz erheblicher innenpolitischer Repression.

Die Fifa hätte allerdings nach der Annexion der Krim 2014 durch Russland und dem Fortdauern des Krieges in der Ost-Ukraine Russland die Fußball-Weltmeisterschaft wieder wegnehmen können, ja vielleicht müssen. Der Fußballverband hätte sich klar auf die Seite des Völkerrechts stellen und damit die vielbeschworene Völkerverständigung des Fußballs herausstreichen können. Der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter und seine Mitstreiter haben diese Chance aus bekannten Gründen allerdings nicht genutzt.

Danach gab es immer mal wieder einen Vorstoß, die Fußball-WM zu boykottieren. Doch weder innerhalb der Fifa noch außerhalb des Verbands hat diese Idee allzu viele Anhänger gefunden. Dafür gibt es auch eine Reihe guter Argumente. Zum einen trifft eine solche Strafe nicht nur die Verantwortlichen von Missständen, sondern auch den russischen Normalbürger, der sich einfach auf das Ereignis freut. Deshalb ist die internationale Politik in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, etwa finanzielle Sanktionen lediglich für eine überschaubare Gruppe von Politikern oder Managern zu verhängen, wie im Fall Russlands nach der Annexion der Krim.

Zusätzlich waren der Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan oder die Revanche der Staaten des Ostblocks bei den Spielen in Los Angeles 1984 alles andere als erfolgreich. Getroffen wurden vor allem Fans und die Sportlerinnen und Sportler. Entweder, weil sie ihre Leistungen in ihren Disziplinen nicht zeigen konnten oder weil die Konkurrenz fehlte.

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