Lade Inhalte...

Leitartikel zur NSA-Affäre Die Kunst der Spionage

Agenten und ihre Machenschaften faszinieren uns, das beweisen unzählige Bücher und Filme. Seit die Geheimdienste jedoch die eigenen Bürger ausspähen, ist das Vertrauen zerstört.

Radarkuppeln auf dem Gelände der Abhörstation des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Bad Aibling. Foto: dpa

Man kann es sich angesichts der BND-Klamotte mit entweder ahnungslosen oder inkompetenten (Ex-)Ministern wie Ronald Pofalla oder Thomas de Maizière kaum vorstellen, doch Spionage hat die Menschen stets fasziniert – in der Wirklichkeit wie in der Kunst. Schon Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Agentenromane. Besonders wirkungsvoll war 1903 Robert Erskine Childers Spionagethriller „The Riddle of the Sands“, in dem zwei Engländer einen Invasionsplan der Deutschen enthüllen und so ihr Vaterland retten. Winston Churchill soll von dem Buch so erschüttert gewesen sein, dass er ein paar Jahre später neue Flottenbasen errichten ließ, um eine mögliche Invasion zu verhindern. In Großbritannien erfreut sich das Genre der Spy Fiction seither unvermindert großer Beliebtheit und brachte teils große Werke hervor, von Rudyard Kipling über Eric Ambler bis hin zu John le Carré – um nur einige zu nennen.

Es dauerte nach dem Erfolg der Spionageromane nicht lange, bis Agentengeschichten den Weg ins Kino fanden. Zum ersten Mal spektakulär in dem Stummfilm „Spione“ von Fritz Lang. Der Regisseur lässt eine internationale Spionageorganisation hinter der Fassade einer Bank operieren, die mit geraubten Informationen Geld verdient. Alfred Hitchcock liebte das Genre so sehr, dass er von „Die 39 Stufen“ (1935) bis zu „Topas“ (1969) zahlreiche Spionagefilme drehte. Und die Filmserie um den legendären Agenten 007 zieht Millionen Besucher in die Kinos.

Auch reale Spione erlangten große Berühmtheit, allen voran die niederländische Nackttänzerin Mata Hari und Lawrence von Arabien. Aber auch Günther Guillaume und Kim Philby, der zwanzig Jahre lang den britischen MI6 im Auftrag der Sowjetunion unterwanderte und Teil der legendären Cambridge-Five-Organisation war. Sie alle lieferten wiederum Stoff für Romane und Filme. Am genauesten auseinandergesetzt mit der Welt der Geheimdienste hat sich wohl John le Carré, der Philbys Geschichte in seinem Roman „Dame, König, As, Spion“ brillant fiktionalisiert. Er bietet keinen Abklatsch der Realität, sondern skizziert psychologische Muster, ja menschliche Abgründe, ohne die das Spionage-Geschäft nicht funktioniert.

Dennoch war Spionage selten negativ konnotiert. In der Zeit der Weltkriege, zwischen den Weltkriegen und dann im Kalten Krieg schien die Arbeit der Agenten ein zwar irgendwie düsterer, aber notwendiger Teil staatlichen Handelns, um sich gegen die äußeren Feinde zu schützen. Es war (und ist) eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Das Überleben der Nation oder der freiheitlichen Demokratie hatte eben seinen Preis, vor allem für die jeweils andere Seite. Die rechtsstaatliche Kontrolle der Dienste war ein untergeordnetes Thema, das in Deutschland, wenn überhaupt, im Zusammenhang mit dem Verfassungsschutz diskutiert wurde.

Das Ausspähen von Politikern, Militärs und Bürgern fremder Staaten ist bis heute weitgehend akzeptiert, obwohl sich die Methoden und Möglichkeiten der Spionage grundlegend verändert haben. Eine Veränderung, die sich längst auch in der Kunst niedergeschlagen hat, sei es in Jonathan Rabans Roman „Surveillance“ von 2006 oder höchst wirkungsvoll in Tony Scotts Spionagefilm „Staatsfeind Nr. 1“, der im Jahr 1998 eine außer Kontrolle geratene NSA vorführt, die ihre Macht auch gegen die eigenen Bürger richtet.

Wer also ab und an ins Kino geht oder Bücher liest, ist mit der langen und durchaus schillernden Geschichte der Geheimdienste einigermaßen vertraut. Wer auch nur ansatzweise die Enthüllungen von Edward Snowden zur Kenntnis genommen hat, weiß von der Ausdehnung der Überwachung auf fast alle Bereiche des Lebens. Und wer sich gelegentlich in US-amerikanischen Medien über NSA und CIA informiert, konnte schon vor einer ganzen Zeit erkennen, dass die USA nie und nimmer auf ihr weltweites Ausspähen verzichten würden. Nicht mal, wenn die Bundesregierung so laut von einem No-Spy-Abkommen träumt, als ob sie zu viele Heile-Welt-Romane von Rosamunde Pilcher gelesen hätte.

Dass sich das Konzept des grenzenlosen globalen Spionierens nicht mit dem Völkerrecht verträgt, diskutieren zwar einige Experten und Aktivisten, nicht jedoch die Regierungen. Gleiches gilt für die Kontrolle der Dienste. Obwohl in einem Rechtsstaat die gewählten Volksvertreter die Geheimdienste kontrollieren sollten, akzeptieren sie fast jede Vorgehensweise der Spione, weil sie ja für die innere Sicherheit unverzichtbar erscheint. Ganz zu schweigen davon, dass sie eine Forderung des Philosophen Wolfgang Abendroth ernsthaft erfüllten, der 1970 verlangte, „die Geheimdiensttätigkeit durch Unterwerfung zu bändigen“, um dem rechtsstaatlichen Prinzip der Bindung an Normen und öffentliche Kontrolle zu entsprechen.

Die Bürger werden weiter wie Robert Redford am Ende des Spionagefilms „Die drei Tage des Condor“ ihrer Wege gehen, gelegentlich über die Schulter blicken und nie wissen, von wem sie beobachtet werden. Einer wird es immer tun.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen