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Landwirtschaft Ein kluger Bauer sorgt vor

Die hitzegeplagte Landwirtschaft will Geld vom Staat. Das ist in Ordnung, wenn sich die Branche klüger als bisher dem Klimawandel stellt. Der Leitartikel.

Hitze in Bayern
Ein Landwirt, der allein auf eine Getreidesorte setzt, verliert bei extremen Wetterlagen schnell seine gesamte Ernte. Foto: dpa

Halsabschneider. Heulsusen. Steuergeld-Abstauber. Und die Pommes sollen auch noch teurer werden! Landwirte haben keinen leichten Stand, seit der Bauernverband eine Milliarde Euro Soforthilfe für dürregeplagte Betriebe gefordert hat. Dabei ist die Nachricht wenig überraschend, die Aufregung fehl am Platz.

Seit April leiden die Bauern schon unter der Trockenheit, immer wieder haben sie vor den Folgen gewarnt. Nach dem feuchten Sommer 2017 ist es das zweite Jahr, in dem sie mit massiven Ernteausfällen rechnen müssen. Doch zur monatelangen Dürre musste sich in den vergangenen zwei Wochen erst die Hitze gesellen, damit Rest-Deutschland spürte: „Huch, das ist aber extrem!“ Der größte und mächtigste Lobbyverband der Branche nutzt lediglich die Gunst der Schweißperlen und fordert das Maximum für seine Mitglieder – und zwar zügig, bevor die Temperaturen wieder fallen.

Nur ist die maximale Forderung eines Lobbyverbands nur selten eine angebrachte. Gut also, dass Politiker einen kühlen Kopf bewahren: Man wolle zwar rasch Hilfsprogramme für Viehhalter auflegen, müsse ansonsten aber die Ernte abwarten, erst nach der Bilanz in einem Monat könne über konkrete Entschädigungen gesprochen werden, heißt es sogar aus der Landwähler liebenden Union. SPD und Grüne sehen, ähnlich wie die Umweltorganisationen BUND und Nabu, derweil in der Krise ihre Chance und fordern erneut die Trendwende in der Landwirtschaft. Umweltfreundlicher müsse die werden, umdenken, von Masse und Mono hin zu Bio und Diversität. Dafür sollte die Vergabe der Subventionen von EU und Bund endlich angepasst werden, fordern sie.

Nachhaltigkeit egal

Sie haben recht. Die Landwirtschaft bespielt mehr als die Hälfte der Gesamtfläche Deutschlands und überlebt maßgeblich dank Unterstützung mit Steuergeld. Sie steht damit besonders in der Pflicht – ist aber weiterhin ein Hauptverursacher von Treibhausgasen und Stickstoffemissionen. Es grenzt deswegen an Wahnsinn, dass die meisten EU-Subventionen nach wie vor nur an die Größe eines Betriebes gekoppelt sind. Denn das bedeutet: Je mehr Hektar, je mehr Masse, also je mehr Monokultur, desto mehr Geld. Nachhaltigkeit? Vielfalt? Egal.

Das muss sich nicht nur aus ökologischer Not dringend ändern, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Weitsicht: Ein Landwirt, der allein auf eine Getreidesorte setzt, verliert bei extremen Wetterlagen schnell seine gesamte Ernte. Wer verschiedene Sorten anbaut, mindert das Risiko eines Totalausfalls. Leisten können sich konservative Landwirte die Umstellung aber erst, wenn die Politik ihre Parameter ändert.

Das ist nötig für die Zukunft – aber nicht die Lösung für das aktuelle Problem. Selbst wenn alle deutschen Landwirte von heute auf morgen auf Düngemittel verzichteten und wieder Esel vor den Pflug spannten, würde das an der Witterung in den nächsten Jahren herzlich wenig ändern. Denn der Klimawandel ist kein Hirngespinst von Grünen mit Zukunftsängsten, sondern schon jetzt real.

Die Welternährungsorganisation warnte erst am Mittwoch: „Wir müssen uns an Dürren gewöhnen.“ Meteorologen rechnen mit zunehmend längeren Trockenperioden und Hitzephasen, oft gefolgt von Stark- und Dauerregen. Das Extrem wird zur Normalität. Für Bauern ist das verheerend. Wie will man also vermeiden, dass der Steuerzahler den Landwirten von nun an jedes Jahr mit Milliarden aushelfen soll?

Zwei Lösungen gebietet die Logik: Erstens muss sich die Branche selbst absichern. Das tut sie zurzeit in nicht ausreichendem Maße, wie die Situation gerade deutlich zeigt. Die meisten Landwirte sind nur gegen hierzulande häufiger auftretende Extremwetter wie Hagel oder Sturm versichert. Diese Wetterlagen treten regional auf, die Policen sind deswegen relativ günstig. Dürre hingegen trifft, wie zurzeit, fast das gesamte Land und verpflichtet die Versicherer schnell zu astronomischen Auszahlungen. Nur wenige bieten deshalb überhaupt Dürre-Policen an – und dann zu horrenden Preisen. Da wundert es nicht, dass bisher kaum ein Landwirt zugeschlagen hat.

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