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Klimawandel Nach der Flut

Wenn der Starkregen vorerst abgezogen ist, sollte endlich die Zeit des Handelns beginnen. Deutschland muss Vorsorge treffen – und in der Klimapolitik wieder Vorreiter werden. Der Leitartikel.

Dunkle Wolken über dem Festivalgelände von "Rock am Ring": Das Open Air musste wegen Unwetters abgebrochen werden. Foto: dpa

Regen-Tsunami“. Den Begriff hat Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) vorige Woche erfunden. Da hatte er gerade das Unwetter-Gebiet in seinem Bundesland per Hubschrauber besichtigt. Er wollte das Unfassbare beschreiben. Angesichts der Bilder von Schlammlawinen, eingestürzten Häusern und weggespülten Straßen kann einem so etwas einfallen.

Regionen in gleich vier Bundesländern, neben Bayern auch Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, sind in den vergangenen anderthalb Wochen blitzartig von Wetterkatastrophen heimgesucht worden, wie es sie in dieser Häufung und Heftigkeit hierzulande noch nicht gab. Es sind mehr als zehn Tote und Dutzende Verletzte zu beklagen, und alleine die versicherten Schäden werden sich auf weit über eine halbe Milliarden Euro summieren.

Nur: „Tsunami“ trifft die Sache nicht. Zumindest nicht ganz. Denn es ist nach Ansicht von Wetter- und Klimaexperten keine reine „Natur“-Katastrophe mehr, mit der wir es zu tun haben. Der Mensch trägt durch die Aufheizung der Erdatmosphäre dazu bei, dass die Stärke von Wetterextremen zunimmt. Die Statistik zeigt es, global, aber auch für Deutschland.

Die Großwetterlage namens „Tief Mitteleuropa“ zum Beispiel, die Verwüstungen wie die in Schwaben und Niederbayern anrichten kann, tritt bereits deutlich häufiger als früher auf. Eine solche Situation hat auch die „Jahrhunderthochwasser“ an der Elbe 2002 und in Süddeutschland 2013 ausgelöst. Es gibt hierzulande mehr Starkregen-Ereignisse als vor noch vor wenigen Jahrzehnten, und auch die Wucht von Gewittern und Hagel-Ereignissen hat zugenommen. Teilweise stürzten während der jüngsten Unwetter am Tag über 100 Liter Regen pro Quadratmeter von Himmel, so viel wie normalerweise in einem Monat.

Bisher war der Klimawandel meist weit weg. Die Betroffenheit darüber, dass Dürren in Afrika, Hurrikane in der Karibik und Überflutungen in Südostasien heftiger ausfallen als früher, hält sich bei vielen Zeitgenossen in Grenzen. Die jüngsten Sturzfluten aus dem Himmel über uns allerdings geben einen Vorgeschmack darauf, wie stark sich das Klima auch bei uns verändern wird. Ein Experte des Deutschen Wetterdienstes beschrieb den Sommer 2050 jüngst so: noch mehr Regen, noch mehr Überschwemmungen – und anschließend vier Wochen mit über 40 Grad. Eine Hitzewelle wie im August 2003, die europaweit mehr als 50.000 vorzeitige Todesfälle verursachte, wäre dann kein Ausreißer mehr, sondern regelmäßig zu erwarten.

Und was tut die Politik? Sie duckt sich weg. Sie schaut geschockt auf den „Tsunami“, macht aber in Business as usual, anstatt konsequent auf die Warnungen der Klimaexperten zu reagieren. Sie müsste, erstens, mit einer stringenten Klimaschutzpolitik für ein schnelleres Sinken des CO2-Ausstoßes sorgen. Das hat sie beim Klimagipfel in Paris ja eigentlich auch zugesagt. Und sie müsste, zweitens, zukünftige Schäden durch Anpassungsmaßnahmen an die schon nicht mehr aufzuhaltenden Klimaveränderungen minimieren. Hier ist, gelinde gesagt, noch viel zu tun.

Es ist geradezu grotesk, dass Bund und Länder just in der „Regen-Tsunami“-Woche auf die Energiewende-Bremse traten, um den Zubau der Ökostrom-Anlagen zu drosseln. Deutschland wird seinem Ruf als Energiewende-Vorreiter längst nicht mehr gerecht. Der CO2-Ausstoß sinkt seit Jahren kaum noch, die Investitionen in Wind-, Solar- und Biomasse-Anlagen fallen – 2015 gegenüber dem Vorjahr um 46 Prozent. Die jüngsten Beschlüsse zu den erneuerbaren Energien dürften den Trend nach unten noch weiter beschleunigen. In den anderen Sektoren – bei Wärme, Verkehr und Landwirtschaft – stagniert die Energiewende ohnehin seit langem.

Angesichts der Tatsache, dass die Weltgemeinschaft trotz der Klimaschutzversprechen pro Tag immer noch so viel Kohle, Erdöl und Erdgas verbrennt, wie die Natur in einer Million Jahre angesammelt hat, muss Deutschland weiter seinen Beitrag zur Schadensminimierung leisten. Der Öko-Weltmeister a. D. darf nicht zuschauen, wie die Erneuerbaren in China, den USA und den Entwicklungsländern boomen. Übrigens auch, um technologisch nicht abgehängt zu werden.

Die Schadensvorsorge ist das zweite wichtige Feld, das über die künftigen Lebensverhältnisse in Deutschland mit entscheidet. Fast alle Bereiche sind betroffen – von Katastrophenschutz über Stadtplanung, Bauwesen und Verkehr bis Land- und Forstwirtschaft. Stichworte sind: Vorwarnsysteme verbessern, Bodenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrsbau stoppen, Flüssen und Bächen wieder Raum geben, betonierte Flächen entsiegeln, Städte begrünen, Frischluftschneisen sichern, Verkehrstrassen schützen.

Die Bundesregierung hat bereits eine entsprechende Anpassungsstrategie beschlossen. Nun muss diese auf allen Ebenen – von Kommune bis Bund – endlich konsequent umgesetzt werden. Das sollte seit dem „Regen-Tsunami“ klar sein. Gerade auch den Finanzministern.

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