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Joachim Gauck Der angesehene Präsident

Viele waren zu Beginn der Amtszeit von Joachim Gauck als Bundespräsident skeptisch. Heute wissen wir: Er hat seine Arbeit mit Bravour bewältigt. Der Leitartikel.

08.02.2017 15:43
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Joachim Gauck scheidet am 18. März aus seinem Amt. Foto: dpa

Von kommendem Sonntag an hat Deutschland zwei Präsidenten: Einen amtierenden und einen neu gewählten. Joachim Gauck scheidet erst am 18. März aus seinem Amt, genau fünf Jahre nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten. Dieser weiche Übergang ist so gewollt, er gibt dem alten Staatsoberhaupt etwas Raum zum Abschiednehmen und dem neuen ein wenig Zeit, sich auf die neue Aufgabe vorzubereiten. Das soll die Regel sein. Aber der letzte Präsident, der sein Amt so ordentlich übergeben hat, war Johannes Rau – 2004, vor 13 Jahren. Hier zeigt sich schon eine der Leistungen von Joachim Gauck: Er hat erst einmal der Normalität im höchsten Amt des Staates wieder Geltung verschaffen müssen. Seine beiden Vorgänger hatten es mit ihrem Gebaren gehörig ramponiert.

Als Joachim Gauck vor fünf Jahren ins Schloss Bellevue einzog, begleitete ihn viel Sympathie, aber auch viel Skepsis. Brauchte es überhaupt noch einen Bundespräsidenten, fragten die einen. Andere bezweifelten, dass ein Seiteneinsteiger den politischen Herausforderungen gewachsen wäre, schließlich war der ähnlich unerfahrene Horst Köhler gerade erst gescheitert. Und nun sollte ein Amateur richten, was die Berufspolitiker, namentlich Angela Merkel mit ihrer unglücklichen Kandidatenauswahl, nicht bewerkstelligen konnten?

Heute wissen wir: Joachim Gauck hat seine Aufgaben mit Bravour bewältigt. 84 Prozent der Bundesbürger haben ihm gerade in einer Umfrage bestätigt, dass er in ihren Augen ein guter Präsident war, nur elf Prozent sind anderer Meinung. Wer eine solche Bewertung erfährt, kann nicht viel falsch gemacht haben. Er kann stolz sein auf sich und seine Leistung. Joachim Gauck hat es mit einer koketten Untertreibung versucht: „Man hat sich bemüht“, mit diesem Zitat Willy Brandts beschrieb er jetzt seine Sicht auf die vergangenen fünf Jahre.

Joachim Gauck war der richtige Mann an der richtigen Stelle in unruhigen Zeiten. Er war ein politischer Präsident im besten Sinne, der sich einmischt und Position bezieht, ein aktiver, orientierender Teil des demokratischen Diskurses. Das wird sein Vermächtnis sein, nicht die eine große Rede oder das eine bestechende Zitat. Von Anfang an hat er sich den Gegnern der Demokratie gestellt, als die von ihnen ausgehende Gefahr noch gar nicht so präsent schien wie heute. Er fand dazu einen kämpferischen Ton, der nichts mehr mit dem präsidialer Sonntagsansprachen früherer Zeiten zu tun hat.

Schon in seiner Antrittsrede wandte er sich an die rechtsextremen Verächter der liberalen Ordnung der Bundesrepublik „mit aller Deutlichkeit: Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich. Wir schenken Euch auch nicht unsere Angst. Ihr werdet Vergangenheit sein und unsere Demokratie wird leben“. Das war ein neues Wir-Gefühl, das Gauck dort formuliert hat, eines, das die Demokraten aufrütteln und mobilisieren soll, im Zweifel mehr zu tun, um unsere Werte und unsere freiheitliche Lebensform zu verteidigen.

Wie nötig das ist, wird heute erst richtig deutlich, da die liberale Demokratie und das Projekt des Westens unter Beschuss stehen, wie er in seiner letzten großen Rede vor ein paar Wochen formuliert hat. In dieser Rede findet sich auch ein anderes Vermächtnis dieses Präsidenten angesichts der Debatten um Zuwanderung und deutsche Identitäten: Die entscheidende Trennlinie verlaufe nicht zwischen Alteingesessenen und Neubürgern oder Angehörigen verschiedener Religionen, stellte er fest. „Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten. Es zählt nicht die Herkunft, es zählt die Haltung.“

Joachim Gauck war auch deshalb ein so starker Präsident, weil er eingelöst hat, was manche Vorgänger nur angekündigt haben: Er war durchaus unbequem. Er hat sich für ein größeres militärisches Engagement Deutschlands in den Konflikten der Welt stark gemacht, wohl wissend, dass dies alles andere als populär in der Bevölkerung ist und sich auch gute Argumente dagegen finden lassen. Darüber hat er gern gestritten. Manche haben ihm vorgeworfen, er habe sich zu wenig mit der mangelnden sozialen Gerechtigkeit im Land beschäftigt. Dazu finden sich zwar immer wieder Aussagen in seinen Reden – aber sie sind vielleicht nicht ganz so dringlich und mitreißend ausgefallen, wie die Passagen über Freiheit und Verantwortung.

Anderen hat sein kritischer Umgang mit dem russischen Präsidenten Putin nicht gefallen, und dass er nie nach Russland gereist ist. Über all das kann man diskutieren und anderer Meinung sein. Dass dennoch über 80 Prozent der Deutschen am Ende finden: Er hat es gut gemacht, zeigt: Genau so muss ein Präsident sein. Das ist der Maßstab, an dem sich der Berufspolitiker Frank-Walter Steinmeier messen lassen muss, wenn er am 18. März das Amt übernimmt. Heute aber bleibt nur noch zu sagen: Man hat zu danken, Herr Gauck.

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