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Jahreswechsel Angst und Zuversicht

Mut ist eine wichtige und notwendige Antwort auf die Sorgen der Menschen. Nur so lassen sich Probleme richtig erkennen und lösen - der Leitartikel.

Silvester
Feuerwerk in Valparaiso (Chile): Neun Zehntel der Menschheit würden sich im Paradies auf Erden glauben, wären sie nur mit den Problemen Deutschlands konfrontiert. Foto: dpa

Was, wenn wir 2018 keine Angst mehr hätten? Jedenfalls keine Angst mehr haben müssten vor der Zukunft, der eigenen, der des Landes, der der Welt? Keine Angst, nicht länger Schritt zu halten mit den rasanten Veränderungen im Alltagsleben, dem ungeheuren Tempo in der Arbeitswelt? Keine Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, keine Angst vor sozialem Abstieg und Unsicherheit, keine Angst vor Hunger und Not, vor Krieg und Elend?

Wir lebten mit Sicherheit in einer besseren Welt, denn viele dieser Probleme dürfte es dann gar nicht geben. Oder, anders formuliert, weil es diese Probleme gibt, ist es durchaus verständlich, dass sich Menschen Sorgen machen, wenn sie darüber nachdenken. Noch dazu sind die Sorgen, vor allem aber die Probleme in der Welt ausgesprochen ungerecht verteilt – wie so vieles.

Neun Zehntel der Menschheit würden sich im Paradies auf Erden glauben, wären sie nur mit den Problemen Deutschlands konfrontiert. Selbst im reichen Europa geht es Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Staaten ausnehmend gut. Aber geht es den Deutschen deswegen besser? Einer Mehrheit vielleicht im Portemonnaie, ja, aber im Kopf?

Viel zu vielen fehlt leider die Zuversicht, dass es auch in Zukunft ihnen und ihren Kindern gutgehen werde, und vielen Menschen fehlt der Mut, die Dinge anzugehen, die sie, die uns bedrücken. Einige werden sagen, es gebe keine Hoffnung, dass ihre Lage sich verändern könnte. Viele werden sagen, sie packten in ihrem Umfeld an, was anzupacken ist, aber die größten Sorgen machten sie sich um Dinge, die sie nicht beeinflussen könnten.

Woran das liegt? Zum einen natürlich an denen, deren politisches Geschäft die Angst der Menschen ist. Den rechten Populisten, die Ängste schüren vor allem Fremden, vor jeder Veränderung. Deren Erfolg ist unauflöslich mit der Angst und der angstgeborenen Aggression der Menschen verknüpft, und deswegen tun sie alles, um sie weiter zu schüren. Sie erfinden eine (deutsche) Vergangenheit, die nur angeblich besser war als die so bedrohlich gezeichnete Gegenwart.

Es liegt auch an jenen, deren rasant wachsender persönlicher Reichtum unter anderem auf der Angst der Menschen gründet. Die dem Ruf nach einer gerechteren Verteilung des wirtschaftlichen Erfolges mit dem Argument begegnen, mehr Gerechtigkeit schade der Wirtschaft, beeinträchtige die Unternehmen und gefährde damit letztlich jeden einzelnen Arbeiter oder Angestellten. Dabei klafft nicht nur die Schere zwischen Armen und Reichen, sondern genauso die zwischen Mittelstand und Reichen jeden Tag weiter auf – und allzu viele Menschen glauben, dies geschehe zum Wohle aller.

Wähler wollen Antworten

Es liegt aber auch an den großen, den Immer-noch-Volks-Parteien, denen es nicht gelingt, den Menschen Mut und Zuversicht zu vermitteln in einer Zeit, die sie als unsicher und bedrohlich empfinden. Wählerinnen und Wähler verlangen Antworten, oder jedenfalls, dass ihre Probleme zur Kenntnis genommen und diskutiert werden. Passiert dies nicht, werden die Parteien eher früher als später feststellen, dass die Menschen weiterziehen, vielleicht zu den Rechten, vielleicht zu etwas ganz Neuem.

Das ist, auf die unterschiedlichste Weise, in den USA so passiert, wo ein Populist eine alte Partei gekapert hat, und es ist in Frankreich passiert, wo selbst die rechten Populisten mit dem Neuen nicht mithalten konnten. Macron hat soziale, ökonomische und militärische Sicherheit versprochen, und er hat damit die Wahl gewonnen.

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