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IG Metall Flexibilität muss man sich leisten können

Die Metallindustrie nutzt ihre gute Lage für eine bessere Balance zwischen Arbeits- und Freizeit. Leider können sich das nicht alle leisten. Der Leitartikel.

Autobauer
Die Autofirmen können sich kräftige Zuschläge leisten. Foto: imago

Das inoffizielle Wettrennen mit der Politik haben Gewerkschaften und Arbeitgeber gewonnen. Noch bevor Union und SPD die x-te Verlängerung ihrer Verhandlungen starteten, schafften die Tarifparteien der Metallindustrie ihren Durchbruch. Nach zähem Ringen und für die Unternehmen schmerzlichen Streikaktionen einigten sie sich auf ein Modell, das eine neue, moderne Balance zwischen Arbeit und Freizeit schaffen soll.

Zunächst einmal bekommen die Beschäftigten von Deutschlands wichtigstem Wirtschaftszweig deutlich mehr Geld. Damit leisten die Tarifparteien einen Beitrag, um den Aufschwung zu stabilisieren. Wie der Internationale Währungsfonds nicht müde wird zu betonen, braucht die Weltwirtschaft höhere Löhne in Deutschland und wartet schon viel zu lange. Nur so können die aufgeblähten Exportüberschüsse sinken. Nur so kann die Eurozone die gefährlichen Ungleichgewichte abbauen.

Renditen beginnen seit einiger Zeit zu steigen

Nicht zuletzt helfen IG Metall und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall im Rahmen ihrer Möglichkeiten der Europäischen Zentralbank (EZB), zur Normalität zurückzufinden – zurück zu einer Welt mit Zinsen statt Strafgebühren für Sparer. Ausgehend von den USA beginnen an den Finanzmärkten die Renditen seit einiger Zeit zu steigen, was in diesen Tagen an den Aktienbörsen für Unruhe sorgt.

Doch EZB-Präsident Mario Draghi zögert mit einer Kehrtwende, weil die Preise nicht so anziehen wie die Konjunktur. Ein ordentlicher Lohnaufschlag in der größten Branche des Euroraums sollte Draghi ermuntern, neu nachzudenken. Bisher fehlte ihm bei aller Freude über die konjunkturelle Erholung, dass sich die Deutschen einen Schluck aus der Pulle so kräftig wie ihr Wirtschaftsaufschwung gönnen. Wenn am Arbeitsmarkt Normalität mit satten Lohnsteigerungen im Boom zurückkehrt, kann die Geldpolitik den Ausnahmezustand an den Zinsmärkten allmählich auslaufen lassen.

Das bleibt erst einmal eine Hoffnung. Die Bedeutung der deutschen Auto-und Maschinenbauer für Europas Wirtschaft sollte man nicht unter-, aber auch nicht überschätzen. Diese kräftigen Aufschläge können sich die Metaller leisten, weil ihre Firmen im Geld schwimmen und die Aufträge kaum bewältigen können. So rosig sieht es nicht für alle Branchen aus, die den Metallabschluss nicht eins zu eins übernehmen können und werden. Dennoch wirkt der Abschluss volkswirtschaftlich eindeutig positiv.

Vorbild für die Gestaltung der Arbeitszeit

Wichtiger schätzen die Beteiligen die gesellschaftspolitische Strahlkraft ein. Mit dem für diese Branche typischen Selbstbewusstsein behaupten sie, mit ihrem komplizierten Regelwerk ein Vorbild für die Gestaltung der Arbeitszeit im 21. Jahrhundert zu setzen. Das ist hoch gegriffen. Dennoch senden Gewerkschafter und Arbeitgeber ein erfreuliches Signal aus: Flexibilisierung ist keine Einbahnstraße. Die Chefs können ihre Leute immer häufiger am Wochenende, am Abend und sogar in der Nacht heranziehen. Sie fordern Mehrarbeit ein, weil der Kunde in den USA Geduld nicht kennt und der Konkurrent in Japan nicht schläft, der in China schon gar nicht.

Das Thema Arbeitszeiten mied die IG Metall trotzdem lange nach dem Desaster mit dem gescheiterten Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland. Nun setzt sie den Einstieg in die 28-Stunden-Woche durch für alle, die mehr Zeit für kranke Angehörige, für Kinder oder für sich benötigen oder wünschen. Ja, für Konzerne verändern Globalisierung und Digitalisierung das Umfeld rasant.

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