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Germanwings-Absturz Depression ist kein Mordmotiv

Die Spekulationen über die Motive des Copiloten von Germanwings entbehren einer sachlichen Grundlage. Deshalb ist auch die Idee, die ärztliche Schweigepflicht einzuschränken, vollkommen verfehlt. Der Leitartikel.

31.03.2015 16:24
Torsten Harmsen
Eine Germanwings-Maschine nach dem Start in Köln-Bonn. Foto: rtr/Symbolbild

Man hätte sich einen anderen Anlass gewünscht, um über das sensible Thema Depression zu reden. Man könnte zum Beispiel über die Volkskrankheit Depression sprechen, unter der in Deutschland 4,5 Millionen Menschen leiden. Offiziell. Die Dunkelziffer ist viel höher. Schätzungen zufolge erkrankt jeder Vierte irgendwann im Leben an einer Depression.

Leider aber rückte diese verbreitete Krankheit in den letzten Tagen in ein besonders unheimliches Licht. Die Spekulationen, der Copilot des verunglückten Fluges 4U9525 habe womöglich unter einer Depression gelitten, erzeugt die Vorstellung, Depressive seien unberechenbare Lebensmüde, die jederzeit andere mit in den Tod reißen könnten.

Bisher weiß man über den Copiloten nichts weiter, als dass er früher suizidgefährdet war und deshalb behandelt wurde. Aber Suizidgefahr heißt nicht gleich Depression – und umgekehrt. Außerdem hat er seinen Pilotenschein machen können und ist jüngst nicht mehr wegen „Suizidalität oder Fremdaggressivität“ aufgefallen. Weiter ist nichts bekannt.

Was die Krankheit Depression betrifft, so haben sich in den vergangenen Tagen viele Psychiater zu Wort gemeldet. Ihre übereinstimmende Aussage: Das Verhalten des Piloten sei untypisch für eine Depression. Diese gehe generell nicht mit Aggressivität gegen andere einher. Ein Leipziger Psychiater sagte, dass er in seiner gesamten Karriere noch nie einen einzigen depressiven Patienten erlebt habe, der anderen Leid antun wollte. Auch ein sogenannter erweiterter Suizid wird nahezu einhellig ausgeschlossen. Diese Urteile muss man akzeptieren und die Depressiven endlich von jeglichem Stigma befreien. Das Krankheitsbild Depression hat mit der Tat des Copiloten so wenig zu tun wie Grippe oder Zahnschmerzen.

Dennoch lässt sich das Stigma nicht wegreden. Es betrifft – wenn schon nicht die Depression im engeren Sinne – generell die psychischen Krankheiten, denen für viele Leute etwas Unberechenbares, potenziell Gefährliches anhaftet. Da hört man Begriffe wie Wahn, schizophrene Psychose, Amoklauf oder Drogenpsychose. Aber auch der Generalverdacht gegen psychisch Erkrankte ist nicht haltbar. Sie neigen im statistischen Durchschnitt – wie Studien zeigen – nicht häufiger zu Gewalttaten als Menschen, die nicht psychisch krank sind.

Streben nach Gewissheit

Dennoch möchte man gerne Gewissheit haben und vor allem Sicherheit, dass einer solchen Tat künftig vorgebeugt wird. Deshalb wird der Ruf nach einer Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht laut. Doch das ist im akuten Fall, etwa bei einem angekündigtem Amoklauf, bereits jetzt möglich. Die Schweigepflicht generell zu lockern, wäre verheerend, nicht nur für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Denn wo sollte man anfangen?

Eine Depression zum Beispiel, ist meist genauso behandelbar wie eine körperliche Krankheit, zum Beispiel Diabetes. Und die Ursache der Depression ist ebenso eindeutig erklärbar: Sie geht mit gestörtem Hirnstoffwechsel einher, unabhängig davon, was diese Störung ausgelöst hat. Die Folgen sind Hemmung, Stimmungsverlust, fehlender Antrieb – und eben nicht Aggressivität oder Tötungsabsichten gegen andere. Man ist nicht verrückt und unzurechnungsfähig, sondern einfach herabgestimmt. Durch Medikamente lässt sich die Hirnchemie meist wieder normalisieren. Millionen Menschen leben damit.

Zudem sind viele körperliche Leiden mit Depressionen verbunden, darunter Herzkrankheiten oder Parkinson. Hirntumore und beginnende Demenz können Menschen psychisch verändern. Ebenso können Menschen durch bestimmte Konflikte, Kränkungen oder Verluste plötzlich „austicken“. Wo will man da die Grenze ziehen? Wo beginnt das Risiko?

Nein, man wird nichts verhindern, wenn man bestimmte Krankheiten stigmatisiert. Soll der Arzt dem Arbeitgeber des Busfahrers künftig mitteilen: Achtung, Patient hat Bluthochdruck – er könnte einen Schlaganfall erleiden und gegen den Baum fahren? Nein, das ist undenkbar. Hinzu kommt, dass auch ein Suizid oder eine Tat – bis hin zu der des Copiloten – für Ärzte oft nicht vorhersehbar ist. Zum Beispiel bei einer schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
Ebenso sollte man es unbedingt vermeiden, Zugangsschranken für „sensible Berufsgruppen“ zu erlassen, etwa für Busfahrer, Taxifahrer, Lokführer oder Fluglotsen. Wenn bis zu 25 Prozent aller Menschen Depressionen hatten, haben oder haben könnten – wer soll dann die Arbeit machen? Dann müsste man die gesamte Gesellschaft unter Generalverdacht stellen.

Wichtig ist die konsequente Behandlung. Doch genau hier hapert es. Wie Studien ergeben haben, gehen von 100 Menschen mit Depressionen nur 60 zum Arzt. Und von ihnen erhält nur ein Sechstel die optimale Therapie. Nach den Verdächtigungen der vergangenen Tage könnten es noch weniger sein. Das wäre eine sehr schlechte Entwicklung – und zwar für uns alle.

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