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G20-Gipfel Was Afrika braucht

Wenn die G20 Afrika wirklich helfen wollen, müssen sie auf ökologisch nachhaltiges und sozial inklusives Wachstum setzen. Der Leitartikel.

Hunger in Somalia
Viele der afrikanischen Staaten spüren die Folgen des Klimawandels. Millionen Menschen sind mangelernährt oder hungern. Foto: ap

Wie wäre das, wenn sich kommende Generationen an folgende Gipfel-Geschichte erinnerten: Zur Überraschung aller G20-Partner nahm Kanzlerin Merkel 2017 in Hamburg das Thema Afrika kurzfristig von der Agenda. „Wir brauchen mehr Zeit, um gründlich nachzudenken“, verblüffte Merkel die Staats- und Regierungschefs. Die G 20 müssten zunächst klarer erkennen, welchen Entwicklungspfad die afrikanischen Staaten selbst einschlagen wollten, wo ihre Interessen lägen und was ihnen wirklich nütze.

Eine schlaflose Nacht bewegte Merkel damals dazu, das Programm der deutschen G 20-Präsidentschaft in Sachen Afrika kurzerhand über den Haufen zu werfen. Anlass war ein handgeschriebenes Zettelchen neben einer Willkommens-Praline, das die Kanzlerin auf dem Kopfkissen in ihrer Hotelsuite entdeckte. Darauf der Satz: „Stirnrunzelnde Frösche werden Kühe nicht davon abhalten, aus dem Weiher Wasser zu saufen.“ Und in Klammern: „Afrikanisches Sprichwort“.

Merkel fand danach keine Ruhe mehr und grübelte. Frösche? Kühe? Weiher? Als sich herausstellte, dass ein kenianisches Zimmermädchen, als Flüchtlingskind nach Hamburg gekommen, die Botschaft neben der Praline platziert hatte, gingen der Kanzlerin die Augen auf.

Zu schön, um wahr zu sein. Dabei gäbe es genügend Anlass, innezuhalten und sich die alltägliche afrikanische Katastrophe noch einmal zu vergegenwärtigen: Millionen Menschen haben weder sauberes Wasser noch sanitäre Anlagen, es mangelt ihnen an medizinischer Versorgung und Bildungschancen. 51 Millionen Mädchen gehen überhaupt nicht zur Schule. Viele der afrikanischen Staaten spüren schon jetzt die Folgen des Klimawandels. Millionen Menschen sind mangelernährt oder hungern - wie aktuell im Jemen, dem Südsudan, in Somalia und Nigeria.

Um was also muss es gehen, wenn der Club der potentesten Ökonomien es wirklich ernst meint mit Afrika? Schlicht um grundlegende Menschenrechte und ein Leben in Würde. Alle Masterpläne – heißen sie nun „Compact with Afrika“ oder „Marshall-Plan mit Afrika“ – müssten das zum Ausgangspunkt nehmen und ihre Strategien und Instrumente danach ausrichten.

Diesem Anspruch aber werden die von der deutschen G 20-Präsidentschaft initiierten Investitionspartnerschaften mit afrikanischen Ländern nicht gerecht. Sie folgen noch immer dem neoliberalen Credo, dass Investitionen automatisch Wachstum und Arbeitsplätze, mithin Entwicklung und Wohlstand schaffen. Viel zu oft aber geht diese Gleichung nicht auf. Für Mega-Projekte wie Kraftwerke, Staudämme, Plantagen oder Bergbau, die Anlegern Rendite bringen, zahlt die lokale Bevölkerung meist einen hohen Preis. Die Ökosysteme leiden, Menschen werden vertrieben und verlieren ihre Existenzgrundlage, ohne neue Arbeit zu finden.

Es ist dabei unbestritten, dass Afrika, dessen Bevölkerung sich bis zum Jahr 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln wird, dringend mehr Investitionen braucht – öffentliche und privatwirtschaftliche. Doch die müssten in eine viel umfassendere Entwicklungsagenda eingebunden werden, wie die „Sustainable Development Goals“ der UN sie vorgeben. Leitbild wäre dann ein ökonomisch und ökologisch nachhaltiges sowie sozial inklusives Wachstums, das die Menschen und ihre grundlegenden Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.

Das hieße, lokal und regional verankerte wirtschaftliche Aktivitäten zu fördern statt Geld in Großprojekte zu pumpen. Vor allem eine nachhaltig entwickelte Landwirtschaft mit Anschluss an eine wertschöpfende Weiterverarbeitung böte großes Potenzial – für mehr Beschäftigung und die Ernährungssicherung in Afrika. Firmen, deren Investitionen die G 20 absichern, müssten sich zuvor strikt auf die menschenrechtlichen Leitlinien der UN verpflichten.

Glaubhaft wären „Partnerschaften“ mit afrikanischen Staaten aber nur, wenn der Reformbedarf auf beiden Seiten anerkannt würde. Der besteht vor allem in der Handelspolitik, die etwa dazu führt, dass konkurrenzlos günstige EU-Exporte von Hühnerteilen und Milchprodukten Bauern in Afrika in den Ruin treiben. Schon in Hamburg könnten die G 20 sich darauf einigen, diese Ausfuhren zu stoppen und den Aufbau einer lokalen Produktion in afrikanischen Ländern zu fördern. Das wäre dann ganz real eine schöne Geschichte und würde sogar das afrikanische Sprichwort „Wer gegessen hat, wird für den Hungrigen kein Feuer machen“ widerlegen.

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