Lade Inhalte...

Fußball und Gesellschaft Sieger und Verlierer

Fußball ist mehr als ein Spiel? Richtig. Er ist subversiv. Denn er führt vor, was in der Gesellschaft schief läuft und dass man Regeln ändern kann. Unser Leitartikel.

Champions League
Tausende Fans haben sich auf den Weg nach Kiew gemacht. Foto: rtr

Enttäuschend – mit diesem einen Wort fasste Josua Kimmich die Saison des FC Bayern zusammen. Es ist ja nichts geworden mit dem Pokalsieg, und auch die Champions League haben die Münchner nicht gewonnen – um den höchsten Titel im europäischen Vereinsfußball kämpfen im Finale heute der FC Liverpool und Real Madrid. Die Bayern schauen zu und müssen sich mit der Deutschen Meisterschaft begnügen.

Für jeden Einzelnen der übrigen 17 Vereine der ersten Bundesliga wäre die Meisterschaft ein Riesenerfolg gewesen. Für München war es nicht genug. Kimmichs Äußerung illustriert deshalb auch, dass sein Klub längst in einer eigenen Liga spielt – wie andere europäische Topvereine auch. In Frankreich dominiert Paris St. Germain die Liga, in Italien Juventus Turin, in Deutschland ist es der FC Bayern, nur in Spanien und England rangeln mehrere Top-Vereine um die Titel. Wenn mal keiner der üblichen Verdächtigen gewinnt, ist das die sensationelle Ausnahme, nicht die gewöhnliche Normalität.

Die Bayern sind – unabhängig von der Pokalniederlage – in der Heimat inzwischen derart überlegen, dass der abtretende Trainer Jupp Heynckes der Konkurrenz für die neue Saison noch die Botschaft hinterlassen hat, dass sie eben „mal powern“ müsse. „Es dürfen nicht 17 Bundesligisten sagen, Bayern wird Meister!“ Strengt euch halt an, ruft da der Überflieger dem Rest zu, dann wird das auch was!

Strengt euch halt an, dann wird das auch was, rufen auch die Erfolgreichen abseits des Fußballplatzes dem Rest der Gesellschaft zu. Leistung, Eigenverantwortung, Willen, dann läuft das schon. Sie tun das, wie der FC Bayern, in der Gewissheit, dass sie sich über die Jahrzehnte – durchaus auch mit klugen Entscheidungen – einen derartigen Wettbewerbsvorteil erarbeitet haben, dass sie um ihre Position so schnell nicht fürchten müssen. Sie haben die höchsten Einnahmen, das dickste Festgeldkonto, die besten Mitarbeiter.

Der Fußball führt derzeit sehr einfach, sehr anschaulich vor, wie es auch im echten Leben läuft, in dem die Zusammenhänge komplex sind oder bewusst komplex gemacht werden – mit vielen Statistiken und Interpretationen, die wie der Rauch von Bengalos im Stadion den Blick so verschleiern, dass bald niemand mehr dem Spiel folgen kann. Der Fußball aber legt die Verhältnisse klar dar. Es hat deshalb etwas Subversives, wenn Spieltag für Spieltag vorgeführt wird, dass die Immerselben die Punkte abräumen, dass die Welt aufgeteilt ist unter den Erfolgreichen.

Wie man die große Welt neu gestalten müsste, dazu trauen sich nicht so viele Bürger eine Meinung zu, zum Fußball aber schon. Da heißt es nun immer öfter mal, dass Chancen neu verteilt werden sollten. Im US-Profisport ist das sogar mehr als ein reines Gedankenspiel. Ausgerechnet in diesem sehr auf den individuellen Erfolg konzentrierten Land, in dem die Verlierer sonst nicht viel erwarten dürfen, ist es ganz selbstverständlich, dass die schwächsten Vereine der Saison die größten Talente auf dem Markt verpflichten dürfen. Üblich sind zudem einheitliche Gehaltsbudgets für alle Teams. Dadurch wird verhindert, dass reiche Vereine mehr Topspieler unter Vertrag nehmen können als ärmere Clubs. Mit diesen Mitteln wird für Ausgleich gesorgt, weil man im US-Sport offenbar verstanden hat, dass Erfolg auch von finanziellen und strukturellen Voraussetzungen abhängt und es nicht reicht, den Verlierern einfach zuzurufen, dass sie sich mehr anstrengen sollen.

Wie geht es im Fußball weiter?

Diese Art Liberalismus sucht man in der deutschen Gesellschaft vergebens. Zwar wird auch hier, ähnlich wie bei den Fernsehgeldern der Bundesliga, Geld umverteilt, worauf die Besserverdiener und Wohlhabenden recht häufig verweisen. Doch wirklich in Bewegung bringt das die Verhältnisse nicht: In Deutschland besitzen 45 Superreiche so viel, wie die 41 Millionen Menschen der ärmeren Hälfte der Bevölkerung zusammen. Die Löhne der Besserverdiener steigen deutlich, während die Geringverdiener viele Jahre lang überhaupt keine Reallohnzuwächse hatten. Von 100 Akademiker-Kindern studieren 77; von 100 aus Familien ohne akademischem Hintergrund nur 23. Und jüngst zeigte eine Studie, dass in Deutschland selbst die Urenkel noch profitieren, wenn ihr Urgroßvater erfolgreich war. Ihnen geht es besser als Gleichaltrigen mit weniger erfolgreichen Vorfahren. Erfolg wird vererbt, in Form von Begabungen, Lebensumständen, Netzwerken und natürlich auch Vermögen.

Mit der derzeit größten Erbschaftswelle in der deutschen Geschichte werden die sozialen Verhältnisse gerade auf die nächste Generation übertragen und zementiert. Die Durchlässigkeit der Schichten dürfte damit insgesamt schlecht bleiben, auch wenn der ein oder andere immer mal wieder den Aufstieg schafft.

Wohin also geht es in der Gesellschaft und im Fußball? Koppeln sich die Erfolgreichen weiter ab, so wie Trainer-Legende Arsène Wenger eine europäische Liga der Top-Vereine prophezeit? Strebt die Gesellschaft mehr Ausgleich an, wie im US-Sport? Oder läuft es wie bei Monopoly? Wenn einer von der Badstraße bis zur Schlossallee alles besitzt und alles dominiert, heißt es: Game over.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen