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Friedensnobelpreis Ein Preis für die Frauen

Der diesjährige Friedensnobelpreis für Nadia Murad und Denis Mukwege erinnert uns an den Kampf gegen sexuelle Gewalt. Und den Mut und die Kraft, diesen Kampf aufzunehmen. Der Leitartikel von Stephan Hebel.

Nadia Murad
Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad in New York. Foto: rtr

Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an Nadia Murad und Denis Mukwege. Die 1993 in der irakischen Provinz Sindschar geborene Jesidin Nadia Murad hat in ihrem Buch „Ich bin eure Stimme“ über ihr Schicksal als Gefangene des sogenannten Islamischen Staates berichtet. Eine Geschichte von Demütigung, Folter und Vergewaltigung.

Denis Mukwege, geboren 1955 in Bukavu im Osten der Demokratischen Republik Kongo, ist Arzt. Er gilt als Experte für die Behandlung von vergewaltigten Mädchen und Frauen. Er behandelte nicht nur die Verletzungen. Er dokumentierte sie auch und nannte dabei auch Täter oder Tätergruppen.

Mukwege und Murad sind Belege dafür, dass Menschen in der Lage sind zu helfen. Dass sie zwar ausgeliefert und wehrlos sind, dass sie aber dennoch nicht zusammenbrechen müssen, sondern ihren Weg gehen können.

Ich scheue mich, von Vorbildern zu sprechen. Denn ich weiß, dass ich niemals so handeln könnte, wie beide es taten. Mukwege sah die Verbrechen und er sah das Leid und floh nicht davor, sondern bildete sich aus, um wirklich helfen zu können, und das tat er dann. Seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Nadia Murad kam traumatisiert nach Baden-Württemberg

Nadia Murad wurde als Sklavin gehalten, mehrfach gefoltert und ebenfalls mehrfach vergewaltigt. 2015 kam sie in einem Sonderkontingent für besonders Schutzbedürftigte und schwer traumatisiert nach Baden-Württemberg. Bereits im Dezember des Jahres sprach sie vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen über das, was selbst ernannte Gotteskrieger ihr und den Ihren – die islamistischen IS-Terroristen haben 18 Mitglieder ihrer Familie ermordet – angetan hatten.

Es gehört eine besondere Kraft dazu, so auf ein solches Schicksal zu reagieren, wie wohl nur ganz wenige Menschen sie aufbringen können. Vielleicht gehört auch Liebe dazu. Die Liebe zu den anderen, die nicht überlebt haben, und die Liebe zu den vielen, die nicht ahnen, in welcher Gefahr sie leben.

Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an zwei Menschen, die nicht müde werden, uns darauf aufmerksam zu machen, wie zentral die Rolle sexueller Gewalt für jedes Kriegsgeschehen ist. Wenn wir von hier aus auf unsere Gesellschaft sehen, verändert sich unser Blick.

Einerseits sehen wir, wie gut es uns geht. Andererseits aber erkennen wir auch, dass kein Vergewaltiger auf verbale Frauenverachtung verzichtet. Das eine ist nicht das andere, aber beides hängt zusammen.

Der Rapper, der Frauen als nach ihm lechzende Deko seiner Videofilme einsetzt, der US-Präsident, der meint, er könne jede haben und jeder hingreifen, wo immer er möchte, haben damit noch keine Frau vergewaltigt, aber sie haben ihre grundsätzliche Oberhoheit über das andere Geschlecht und damit den eigenen Status als dessen Sklavenhalter markiert.

Bewunderung für Nadia Murads Mut

Es geht bei den beiden Friedensnobelpreisträgern natürlich nicht um Hollywoodgrößen, die jetzt daran erinnern, dass sie vor dreißig Jahren einmal von einem Produzenten auf eine Couch gezwungen, sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden.

Es wäre aber falsch, die Zehntausende Frauen, die in den letzten Jahrzehnten in den Kriegen dieser Welt vergewaltigt wurden, auszuspielen gegen die Opfer, mit denen sich die #MeToo-Diskussion beschäftigt. Wer Verständnis hat dafür, dass manche Frauen, auch Juristinnen, jahrzehntelang schwiegen, bis sie endlich hervortraten und bezeugten, was ihnen widerfuhr, der wird Nadia Murads Mut, ihre Entschlusskraft sich zu äußern, angesichts ja weiter drohender Gefahr, desto mehr bewundern.

Der fleißige Zeitungsleser wird den Osloer Friedensnobelpreis auch als einen Schlag ins Gesicht des Literaturnobelpreiskomitees in Stockholm sehen. Dieses Gremium sah sich ja außerstande, in diesem Jahr seinen Preis zu verleihen, angesichts der Diskussionen um sexuelle Belästigungen in der eigenen Institution.

Im Epilog ihres Buches erzählt Nadia Murad vom ersten Vortrag, den sie vor einem größeren Publikum über ihr Schicksal hielt. Sie hatte Angst davor, denn sie wusste: „Ich musste so offen und ehrlich sein, wie ich es kaum ertragen konnte.“ Jeder versteht sie. Denn jeder weiß schon von sich, wie schwer es fällt, sich zu erinnern, und wie notwendig es ist. 

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