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Frankfurter Buchmesse Spannung in den gesellschaftlichen Kampfzonen

Die Frankfurter Buchmesse beweist: Es gibt ihn doch noch, den Austausch über gesellschaftliche Veränderungen. Der Leitartikel.

Steinmeier eroeffnet auf Buchmesse "Frankfurt Pavilion"
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet die Frankfurter Buchmesse. Foto: epd

Wahrscheinlich war immer schon eine Spur von Verklärung mit im Spiel, die Frankfurter Buchmesse als großen Marktplatz der Ideen zu betrachten, auf dem jenes notwendige Reizklima herrscht, aus dem gute Bücher überhaupt erst hervorgehen können. In schöner Regelmäßigkeit überwiegt die Freude am jährlichen Wiedersehen die prickelnde Begegnung, aus der Neues entsteht. 

Und doch gibt es so etwas wie eine gesellschaftspolitische Dringlichkeit, die das Branchentreffen der Büchermacher zu einem besonderen Ereignis machen. So wurden kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht nur die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Messeturm erhöht. Vielmehr fanden auf den Podien in ungewohnter Intensität erstmals auch Debatten über jene einschneidenden Veränderungen statt, die die Anschläge des damals gerade erst einen Monat zurückliegenden Herbsttages hervorbringen würden. Von einem gesteigerten Bedürfnis nach einem Klima der Verständigung ist diesmal nichts zu spüren. Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen an den Messeständen rechter Verlage im vergangenen Jahr war man seitens der Messeorganisation vor allem um Deeskalation bemüht, und sei es auch nur durch eine Neugestaltung der Laufwege. 

Die Spannung in den gesellschaftlichen Kampfzonen nimmt zu, aber es gibt kaum Indizien dafür, dass man dort mit Argument, Widerspruch oder auch versuchsweiser Zustimmung noch etwas auszurichten vermag. Fast scheint es, als habe man sich in den auch gewalttätig draußen ausgetragenen Kontroversen gegen jegliche Formen des Dialogs immunisiert. Es reicht dabei nicht mehr aus, ein verändertes Erscheinungsbild der Vermittlerrolle des Intellektuellen zu konstatieren und dabei den fragwürdigen Anspruch auf ein allumfassendes Expertentum in Zweifel zu ziehen. Vorsicht vor den eitlen Welterklärern galt schon immer als Bürgerpflicht.

Angesichts eines drohenden sozialen Wandels aber werden immer stärker Affekte mobilisiert, die sich ausdrücklich gegen soziologische Erkenntnis, wissenschaftliche Vernunft und insbesondere auch gegen die Geltung von Rechtsnormen richten. Nicht das Auftreten bestimmter Erscheinungsformen von Intellektualität und deren Lust an der Theorie werden in Zweifel gezogen, sondern die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft und Vernunft selbst. Die Ratlosigkeit über die seltsam verstopften Kanäle des gesellschaftlichen Austauschs dürfte die Zeit der Frankfurter Buchmesse überdauern.

Dabei gibt gerade ein Kernsegment jener Produkte, die auf der Buchmesse aus- und vorgestellt werden, Anlass zur Hoffnung. So sind derzeit auffällig viele schriftstellerische Versuche zu beobachten, die sich dem gesellschaftlichen Unbehagen aussetzen, wie unscharf es sich auch immer artikulieren mag. Autoren wie Bodo Kirchhoff, Monika Maron oder auch Lukas Rietzschel thematisieren jeder auf seine Weise einen gesellschaftlichen Wandel, in dem die Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 als Schlüsselerlebnis empfunden wird. Die Bücher sind dabei oft schlauer als ihre Autoren, weil sie nicht auf die Vermittlung von Gewissheiten aus sind, sondern auf die Wiedergabe von Stimmen und Stimmungen.

Starke Meinungen treffen auf unausgesprochene Gefühle

Den aktuell wohl bemerkenswertesten Versuch, den sozialen Veränderungen einen literarischen Ausdruck zu verleihen, hat der bald 92 Jahre alte Günter de Bruyn unternommen, indem er in seinem Roman „Der neunzigste Geburtstag“ den Folgen der Flüchtlingskrise in einem fiktiven brandenburgischen Dorf nachspürt.

Starke Meinungen treffen auf unausgesprochene Gefühle, verweisen auch auf die viel ältere Geschichte des Niedergangs einer Dorfkultur, die nun von den Widersprüchen der Willkommenskultur gestreift wird. De Bruyn registriert das Zeitgeschehen aus der Perspektive zweier alter Menschen. Das bleibt nicht frei von Ressentiments, öfter aber entziehen sie sich mit mildem Spott. Vor allem aber verweist de Bruyn auf die Möglichkeiten der Literatur, sich in Geduld zu erproben, ohne die Lust am Widerspruch zu verlieren. 

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