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Frankfurter Buchmesse Kampf um gesellschaftspolitische Deutungshoheit

Die Buchmesse in Frankfurt ist ein Ort politischer Debatten. Aber wie weit geht die Meinungsfreiheit? Die Frage ist so aktuell wie lange nicht mehr. Der Leitartikel.

Buchmesse Frankfurt
Wer bestimmt den Diskurs? Ein Thema der Buchmesse. Foto: dpa

Für einen Rundgang durch die Messehallen der Frankfurter Buchmesse bedarf es starker Nerven. Der Geräuschpegel ist hoch, und die Möglichkeiten zur unbeschwerten Fortbewegung sind eingeschränkt. Es wird geschoben und gedrängelt, und doch wird dem Besucher an jedem Stand und auf den Gängen der Eindruck vermittelt, es ginge ausschließlich um ihn, mindestens aber um die gezielte Adressierung seiner vollständigen Aufmerksamkeit.

Der thematischen Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt. Wer sich bloß treiben lässt, kann innerhalb weniger Minuten einem Vortrag über Bachblütentherapie beiwohnen, sich über die Rahmenbedingungen der Herstellung eines Buches per Selfpublishing informieren oder dem Krimiautor im Gespräch über die Abgründe des menschlichen Seins zuhören. Wissenswertes und Unterhaltendes flottieren unsortiert durch die Messeräume in einer Mischung aus Konzentration und Abschweifung, in der der einsame Autor in seiner Verlagskoje sich mitunter kaum weniger verloren fühlen mag als die umherschwirrenden Schüler in ihren bunten Manga-Kostümen.

Jahr für Jahr stellt die Frankfurter Buchmesse eine Überforderung der Sinne dar, der sich die einzelnen interessiert und lustvoll aussetzen. Viele erwecken den Eindruck, genau zu wissen, wo es lang geht, andere suchen erschöpft nach Ruhezonen für ein paar Minuten Pause von der Reizüberflutung. Die Buchmesse präsentiert sich als Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem das Streben nach ökonomischem Kalkül und der kommunikative Exzess einvernehmlich nebeneinander zu existieren scheinen.

Zum hinreichend gepflegten Selbstbild der Buchmesse gehört es seit jeher, ein exponierter Ort der politischen Debatte zu sein. Und obwohl gerade der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Messe Frankfurt darauf beharren, dass in der Mainmetropole nicht nur lohnende Begegnungen, sondern auch gute Geschäfte gemacht werden können, gehört die demonstrative Auseinandersetzung zwischen Geist und Macht zu den heimlichen Garanten des anhaltenden Erfolges.

Bühne für rechtsextreme Verlage

Auch wenn die äußerlichen Begleitumstände alles andere nahelegen, gibt es nach wie vor die hohe Erwartung an die Buchmesse, ein ganz besonderer Diskursraum zu sein. Wiederholt wurde die Frankfurter Bücherschau zum Schauplatz erbittert geführter politischer Konflikte. 1989 etwa kam es zum Ausschluss aller Verlage aus dem Iran, nachdem der damalige Staatschef Ayatollah Chomeini zur Ermordung des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie aufgerufen hatte. Der staatlich angeleiteten Todesdrohung gegen einen Schriftsteller sollte und konnte nicht dadurch begegnet werden, dass man diesem Staat im Gegenzug die Gelegenheit bot, sich als Kulturnation zu präsentieren. Der Fall Rushdie ist bis heute eines der markantesten Beispiele für eine dramatische Beschneidung des freien Wortes und der Notwendigkeit einer solidarischen Gegenwehr.

Es gibt Grenzen für die freie Meinungsäußerung, aber wo genau verlaufen sie? Die Frankfurter Buchmesse ist in den letzten Tagen dafür kritisiert worden, rechtsextremen Verlagen eine Bühne zu bieten. Das deutsche PEN-Zentrum etwa hat die Messe aufgefordert, den Auftritt der umstrittenen Stiftung „Europa Terra Nostra“ und eines NPD-Politikers zu verhindern.

Besondere Aufmerksamkeit hat ferner der Antaios-Verlag aus Schnellroda in Sachsen-Anhalt erregt, dessen Verleger Götz Kubitschek als Vordenker einer antidemokratischen konservativen Revolution gilt. Während die Buchmessen-Präsentationen von Verlagen, die sich politisch rechts positionieren, in den vergangenen Jahren kaum der Rede wert waren, scheint nun deren bloße Gegenwart zu einem Politikum zu gereichen.

Gegenwart rechter Verlage ein Politikum

Gut, dass der Börsenverein gelassen auf die Verbotsaufrufe reagiert. Dessen Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis verteidigte nicht nur die Anwesenheit des Antaois-Verlages, sondern mahnte auch eine neue Debattenkultur an. „Wir haben“, so Skipis, „komplett verlernt, uns mit Themen auseinanderzusetzen, die uns nicht passen.“

Tatsächlich war die kulturpolitische Debatte zuletzt auffällig von eher hilflos anmutenden Versuchen bestimmt, auf das nicht länger zu leugnende Erstarken einer rechten Bewegung zu reagieren. Aber es darf bezweifelt werden, dass Ausschluss und Verbot geeignete Mittel sind, um in den ganz neu entbrannten Kämpfen um die gesellschaftspolitische Deutungshoheit zu reüssieren. Es ist auch parlamentarisch nichts zu gewinnen, wenn man, wie es eine Initiative prominenter Künstler und Politiker unlängst gefordert hat, AfD-Vertreter vom Vorsitz des Kulturausschusses im Deutschen Bundestag fernhält.

Es kann nicht das Gebot der Stunde sein, sich in jede beliebige Diskussion mit rechten Gesinnungsfeinden zu stürzen. Aber man wird lernen müssen, mit wem man es zu tun hat. Die Frankfurter Buchmesse sollte trotz aller Verwirrung ein guter Ort sein, sich zu orientieren.

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