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Farid Bang und Kollegah Brechen von Tabus ist die Strategie

Zwei Rapper spielen zynisch mit dem Thema Auschwitz – und lösen berechtigte Empörung aus. Aber hinter diesem Fall steckt noch viel mehr. Der Leitartikel.

Echo 2018
Die Rapper Kollegah (r) und Farid Bang bei der Echo-Preisverleihung. Foto: Jörg Carstensen (dpa)

Auf Twitter findet sich unter dem Hashtag „Kollegah“ ein kurzer, aber beeindruckender Text. Es ist der Bericht eines Lehrers, der mit seiner Klasse über Antisemitismus gesprochen hat. Anlass war ein kleines Stück Text, das inzwischen zu trauriger Berühmtheit gelangt ist: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen...“, so heißt der Satzfetzen, der von den beiden Rappern Farid Bang und Kollegah stammt.

Das sind diejenigen, die vergangene Woche mit dem Musikpreis „Echo“ ausgezeichnet wurden, und zwar trotz ihrer antisemitischen Töne. Die Ehrung hat jede Menge Protest ausgelöst, und zwar mit Recht. Aber der Vorgang muss nicht nur wegen dieses Zitats erschrecken. Der Satz gehört vielmehr in die lange Reihe von Provokationen, mit denen aus unterschiedlichen Ecken versucht wird, Tabus zu brechen und die Grenzen des Sagbaren zu verschieben.

Es geht nicht um „Sprechverbote“

Der erwähnte Lehrer zeigte seinen Schülerinnen und Schülern zwei Fotos: einen Bodybuilder und einen Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz. Und er gibt auf Twitter wieder, was am Ende einer der Schüler sagte: „Der Bodybuilder quält sich freiwillig für seinen Körper. Der Mann aus Auschwitz sieht so aus, weil er von anderen gequält wurde.“ Und ein anderer: „Der Kollegah hat doch gar keine Gefühle für diese Menschen!“

Es bedurfte offensichtlich einiger Unterrichtszeit, bis die Jugendlichen den menschenverachtenden Zynismus des preisgekrönten Raps erkannten. Das liegt nicht daran, dass sie zu dumm gewesen wären. Es spricht eher dafür, dass eine Sprechweise, die in früheren Zeiten tabu gewesen wäre, längst in den Alltag des öffentlichen Diskurses eingedrungen ist. Zumindest in bestimmten Medien und Teil-Öffentlichkeiten.

Na und? Kann nicht jeder sagen und rappen, was er will? Was soll das heißen: Grenzen des Sagbaren? Soll hier etwa für „Sprechverbote“ geworben werden, gegen die sich vor allem rechte Kreise so hingebungsvoll wehren?

Nein, die Rede von Verboten ist eine Erfindung derjenigen, die ständig das angeblich Verbotene reden, wenn sie nicht gerade von Verboten reden. Die „Grenzen des Sagbaren“ ergeben sich aus einer Art Vereinbarung der Gesellschaft darüber, welchen (sprachlichen) Umgang miteinander, speziell mit Minderheiten, Verfolgten und Opfern, sie sich und besonders denjenigen zumuten will, die sich gegen Beleidigungen und Schmähungen am wenigsten wehren können.

Der gesellschaftliche Konsens über das Sagbare und seine Grenzen schlägt sich nur zum kleineren Teil in gesetzlichen Regeln (wie zum Beispiel dem Verbot der Volksverhetzung) nieder. Zum weitaus größeren Teil ist er nicht nur Richtschnur der öffentlichen Debatte, sondern auch deren Ergebnis: Was gesagt werden „darf“ und was nicht, wird niemals endgültig zu bestimmen sein, es bleibt vielmehr ständigen Veränderungen unterworfen. Die „Grenzen des Sagbaren“ sind allemal umkämpft.

Rapper spielen mit Tabubrüchen

Der Tabubruch von Kollegah und Farid Bang kann als Teil dieses Kampfes verstanden werden. Und die Zeile mit den Auschwitz-Insassen ist, was Kollegah betrifft, noch gar nicht der gefährlichste Beitrag zur Enttabuisierung des „Unsagbaren“: Längst haben Kenner seiner Texte nachgewiesen, dass er nicht nur mit dem Holocaust zynisch umgeht, sondern auch Anleihen bei aktuellen rechten Verschwörungstheorien nimmt, wenn es etwa um „satanische“, mehr oder weniger deutlich als jüdisch gekennzeichnete Mächte geht.

Die Rapper, die mit solchen Tabubrüchen spielen (anders als viele ihrer Kollegen, die sich teilweise aktiv dagegen wehren), mögen vor allem auf blanke Provokation abzielen, unabhängig vom Inhalt. Die müden Distanzierungen, die man von ihnen hier und da hört, scheinen genau dafür zu sprechen: Ist nicht so gemeint, Antisemitismus liegt mir fern, war nur so ein Text. Aber sie folgen damit genau dem Muster, dessen sich auch der politisch organisierte rechte Rand besonders gern bedient. Sie beteiligen sich an einer leider breiter werdenden Strömung, die das Brechen von Tabus, die Erweiterung der „Grenzen des Sagbaren“, die Vergiftung des öffentlichen Diskurses zu ihrer Strategie gemacht hat.

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