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Facebook Die Suchtmaschine

Der jüngste Abstieg an der Börse zeigt: Das Modell Facebook stößt an Grenzen. Noch aber spielen Gesellschaft und Politik das Spiel mit. Der Leitartikel.

Facebook
Nach wie vor ist Facebook das weltgrößte Online-Netzwerk. Foto: dpa

Facebook hat einen sagenhaften Aufstieg hinter sich. Hier scheinen die realwirtschaftlichen Maßstäbe der analogen Welt nicht mehr zu gelten: Allein in den letzten fünf Jahren stieg der Aktienwert des Datenunternehmens um 550 Prozent. Das reicht locker in den Bereich unseriöser Kapitalanlagen oder krimineller Pyramidensysteme hinein.

Nehmen wir nur kurz einmal an, es gäbe so etwas wie eine ökonomische Schwerkraft, dann müssten wir für Digitalkonzerne wie Mark Zuckerbergs Facebook eigentlich sagen, sie existierten in der Schwerelosigkeit. Selbst der jüngste Großskandal um den Datenmissbrauch und die Wahlmanipulation durch die Beratungsfirma Cambridge Analytica konnte dem Internetgiganten nichts anhaben. Nach einer kurzen Irritation im April dieses Jahres stieg der Börsenwert des Unternehmens auf ein Rekordhoch von 512 Milliarden Dollar.

Aber dann folgte am Mittwoch der jähe Absturz an der Börse. Ein beispielloser Kursverfall, der Facebook-Konzern verlor zwischenzeitlich 150 Milliarden Dollar, nach Börsenschluss hatten sich 100 Milliarden Dollar in Luft aufgelöst.

Am Donnerstag eröffnete die Aktie dann mit dem erwarteten Minus von 20 Prozent und erholte sich im Laufe des Tages nicht mehr. Die im Nachhinein stets klügeren Analysten boten schnell einige gute Erklärungen für das Debakel.

1. Gewinnmitnahme: Viele Aktionäre hätten nach einer erstaunlich langen Phase aberwitziger Wertsteigerungen ihr Geld endlich in Sicherheit bringen wollen.

2. Wachstumsgrenze: Bei über 2,2 Milliarden Mitgliedern weltweit trete allmählich eine Marktsättigung ein und werde die Gewinnung von Neukunden immer schwieriger.

3. Datensicherheit: Der Kampf gegen Datenschutz- und Urheberrechtsverletzungen sowie gegen „Fake News“ und „Hate Speech“ koste eine Menge Geld und schmälere auf diese Weise den Gewinn.

4. Produktpalette: Neue Funktionen wie der Snapchat-Klon „Facebook Stories“ lockten zwar mehr Nutzer an, würden aber von der Werbewirtschaft zu wenig beachtet.

Sich mit solchen eher technischen Erklärungen eingehender zu beschäftigen, lohnt sich aus verschiedenen Gründen. Vordergründig betrachtet, haben wir es mit einer hochbrisanten Mischung einander bedingender Krisenfaktoren zu tun: Facebook-Chef Zuckerberg, der am Mittwoch mehr als 16 Milliarden Dollar verlor, sieht sich einem gewaltigen Komplex an Problemen gegenüber. Der schnurrt allerdings im Hinblick auf die Börse auf einen einzigen Punkt zusammen: Gegen die bisher übliche Gewinnerwartung von 47 Prozent weist der aktuelle Quartalsbericht mit 5,1 Milliarden Dollar nur ein Plus von 31 Prozent aus.

Eben das löste den Kursrutsch aus, der sich endgültig zu einem Crash auswuchs, als Facebooks Finanzchef David Wehner erklärte, das Wachstum werde sich noch verlangsamen, weil man in Imagekampagnen, Datensicherheit und neue Produkte investieren müsse.

Aus all dem wird deutlich, dass Facebook sein Geschäftsmodell nicht ändern will, nämlich mit immer mehr Daten von immer mehr Nutzern sein Geld zu verdienen. Das ist eigentlich eine Binse, denn Mark Zuckerberg sitzt entgegen seiner hippiesken Selbstbeschreibung keiner Wohltätigkeitsorganisation vor und befördert mit seinem weltumspannenden Netzwerk auch nicht das unverschämte Glück herrschaftsfreier Kommunikation. Vielmehr leitet der Facebook-Gründer ein auf rasantes Wachstum ausgelegtes, eben profitorientiertes Unternehmen.

Und doch, selbst als die hierin begründeten politischen Kosten mit den jüngsten Datenskandalen so offensichtlich wurden wie niemals zuvor, hielt dies bislang viel zu wenige Menschen davon ab, die „kostenlose“ Dienstleistung auch weiterhin zu nutzen. Facebook ist und bleibt eine unübertroffene Suchtmaschine, die uns in die freiwillige und lustvolle Unterwerfung zieht.

Was aber ändert sich nach dem Crash? Facebook schafft sich mit seinem Bilderdienst Instagram, der immerhin schon eine Milliarde Nutzer zählt, gerade eine neue Wachstumsquelle. Der Konzern hält also vorerst an der unbedingten Wachstumsstrategie fest – obwohl bei einer Renditeerwartung im 30-Prozent-Bereich auch ein Strategiewechsel nach dem Vorbild Apples, also hin zu einem Gewinnmodell, möglich wäre.

Aber das sind Feinheiten. Politisch geht es in jedem Fall darum, Facebook endlich für die Schäden bezahlen zu lassen, die es mit seiner keineswegs schwerelosen, sondern parasitären Existenz der ganzen Gesellschaft zufügt.

Das finge damit an, den Konzern zu zwingen, seine Steuern ordentlich abzuführen. Und es dürfte hier in Deutschland nicht aufhören mit dem von Heiko Maas (SPD) noch als Justizminister auf den Weg gebrachten, allemal dilettantischen Netzwerkdurchsetzungsgesetz.

Das in seiner Ausführung weder sachlich angemessene noch zielführende Gesetz gegen Hass und Lügen im Internet zeugt von einer erstaunlichen Nonchalance der Politik, mit der jetzt endlich Schluss sein sollte. 

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