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Facebook & Co Kaum spürbare Form der Gehirnwäsche

Die Politik muss Facebook & Co. Grenzen setzen. Sonst werden Algorithmen bald die Nutzer noch mehr manipulieren als bisher. Der Leitartikel.

Facebook
Facebook will Datenverkehr erzeugen, und emotional aufgeladene Diskussionen steigern den Traffic. Foto: rtr

Eigentlich ist das, was Rechtsextreme auf Facebook inszenieren, nichts Neues. Früher gab es Leserbriefkampagnen in der örtlichen Tageszeitung, die von interessierten Kreisen gesteuert wurden. Heute versuchen Radikale in sozialen Netzwerken bei kontroversen Debatten die kommunikative Oberhand zu erlangen, indem sie massenweise Kommentare posten. Beides hat dasselbe Ziel: Es geht um den Versuch, gesellschaftliche Mehrheiten zu simulieren. Der große Unterschied: Die Reichweite und Wirksamkeit der rechtsextremen Kampagnen unterscheiden sich in einer Hochpotenz von den guten, alten Leserbriefkampagnen.

Facebook will Datenverkehr erzeugen

Das hat mit dem Medium Facebook zu tun, weil es für Millionen von Nutzern auch in Deutschland das Fenster zur Welt geworden ist. Dieses Werkzeug der Erschließung einer extrem verzerrten Wirklichkeit belohnt alles, was aggressiv, beleidigend, wütend und hasserfüllt daherkommt. Der Grund dafür ist simpel: Facebook will Datenverkehr erzeugen, und emotional aufgeladene Diskussionen steigern den Traffic. Da treffen sich die Interessen des Facebook-Managements und der Rechten, deren Standardkommunikationsmodus Wut und Hass sind.

Was wir an Manipulativem im US-Wahlkampf gesehen haben und was wir jetzt an Hasskommentaren durch rechte Trolle hierzulande erleben, ist erst der Anfang, wenn die Politik weiter zuschaut. Das hat mit dem Geschäftsmodell von Facebook zu tun.

Die wichtigste Ressource der weltgrößten Kommunikationsmaschine sind Daten. Mit deren Menge steigt der ökonomische Erfolg. Geld verdient Facebook mit Werbung. Genauer formuliert: damit dass die Werbung zielgenau zu den Nutzern gesteuert wird. Dafür werden deren Daten mit der besten Software analysiert, die zu haben ist.

So wird dem Jogger, dessen Laufschuhe einigermaßen abgelatscht sind, schon heute Werbung für seine bevorzugte Laufschuhmarke gerade rechtzeitig zugespielt. Der Netzwerkkonzern kassiert dafür vom Sportartikler: Die Nutzer sind nicht die Kunden, sondern das Produkt.

IT-Experten reden gerne davon, dass wir uns immer noch am Tag eins der digitalen Revolution befinden. Da ist was dran. Die einschlägigen Anglizismen von Big Data, Artificial Intelligence bis Predictive Analytics laufen auf eins hinaus: Bedürfnisse, Wünsche und Hoffnungen von Konsumenten und Bürgern sollen nicht mehr nur analysiert, sondern vorhersagbar werden. Siehe das Beispiel von der Frau, die mit Windelwerbung traktiert wurde, bevor sie selbst wusste, dass sie schwanger war.

Grenze zwischen Manipulation und Werbung verschwimmt

Intelligente Algorithmen, die entdecken, was der Kunde will, sind Gold wert. Bis zum nächsten Schritt ist es nicht weit – nämlich dass ihm Bedürfnisse eingeredet werden, von denen er gar nichts wusste. Die Grenze zwischen Manipulation und Werbung verschwimmt. Facebook ist die ideale Plattform für diese Formen der Intensivierung.

Natürlich wirkt auch klassische Werbung suggestiv. Aber wenn man sie mit den Möglichkeiten avancierter digitaler Kommunikation vergleicht, muss auch hier mit Hochpotenzen kalkuliert werden. Datenschützer warnen immer inständiger, dass künstliche Intelligenz nicht nur Segensreiches bewirkt, sondern auch eine Entmündigung, eine Aufweichung der Selbstbestimmung forcieren kann.

Das wird sich nicht auf Turnschuhe und andere Produkte der kommerziellen Welt beschränken. Man stelle sich vor, dass von rechtsradikalen Trollen Hass, Wut und Lügen feinjustiert auf die jeweiligen Stimmungen und Sehnsüchte von Nutzern millionenfach automatisiert gepostet werden. Das Fatale daran ist, dass die Empfänger mit dieser kaum spürbaren Form der Gehirnwäsche gegen rationale Diskurse immunisiert werden.

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