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Donald Trump Zu klein fürs Amt

US-Präsident Trump hat viele gegen sich aufgebracht. Seine Anhänger stehen aber zu ihm. Noch muss er die Zwischenwahlen nicht fürchten.

Donald Trump
Auch ein Jahr nach seinem Amtsantritt gibt sich Trump nur selten präsidial. Foto: AFP

Er ist im Amt gewachsen. Jedenfalls, wenn man dem Bulletin seines Amtsarztes glauben darf. Demzufolge ist Donald Trump 1,90 Meter groß. Laut seinem Führerschein misst der US-Präsident nur 1,87 Meter. So marginal der Unterschied erscheint, so wichtig dürfte er dem Herrn des Weißen Hauses sein: Die drei Zentimeter ersparen ihm beim Body-Mass-Index das Attribut „fettleibig“.

Alle Spekulationen, dass der Immobilienmogul und Reality-TV-Star im Amt reifen würde, haben sich hingegen nach einem Jahr zerschlagen. Man muss nur die vergangenen Tage mit der Selbstbeschreibung als „stabiles Genie“, den Ausfällen gegen „Drecksloch-Staaten“ und der Verleihung eines fiktiven „Lügenpresse-Preises“ Revue passieren lassen, um jede Hoffnung auf eine Besserung zu verlieren.

Donald Trump ist ein ignoranter Narzisst, der keinem anderen Kompass als seinem unkultivierten Instinkt folgt. Mit zwielichtigen Deals als Firmenchef und mit Trash-Shows ist der Mann zum Milliardär geworden. Genauso macht er im Oval Office weiter.

Als moralische Instanz oder gar als Führer der westlichen Welt ist Trump ein Totalausfall. Er lügt, er wütet, er bedient üble Ressentiments, hofiert Autokraten und verfolgt seine privaten Wirtschaftsinteressen. Wie ein absolutistischer Herrscher hat er speichelleckende Berater um sich versammelt, die ihn vorsichtig nur mit Informationen versorgen, die in sein Weltbild passen. Der Mann würde jede Politsatire sprengen. Aber er ist der Präsident der USA – und das wird er wahrscheinlich noch eine Weile bleiben.

Der Jahrestag der Amtseinführung ist eine gute Gelegenheit, sich zwei unangenehmen Wahrheiten zu stellen. Auch wenn die chaotische Abfolge von Pannen, Intrigen und Affären den Eindruck einer Telenovela vermittelt: Dieser Regierungschef ist real. Das tägliche Drama lenkt allzu oft davon ab, dass Trump der mächtigste Mann der Welt ist. Er ging aus einer demokratischen Wahl hervor und wird von seinen Anhängern unverdrossen weiter unterstützt. Sie haben für ihn gestimmt, weil sie von der Politik nichts mehr erwarten, und seine Inszenierung als Kämpfer gegen das Establishment bedient ihren aufgestauten Frust.

Daraus folgt die zweite Wahrheit: Die Vorstellung, Donald Trump werde in naher Zukunft aus dem Weißen Haus verjagt, ist verlockend, aber ziemlich unrealistisch. Es fehlt – bislang – an Truppen und an einem Hebel für eine Amtsenthebung. Natürlich verhält sich der 71-jährige Trump öfter seltsam. Aber der häufig bemühte 25. Zusatzartikel, der die Erklärung der Amtsunfähigkeit regelt, wurde für Extremsituationen wie eine Geiselnahme oder ein Koma des Präsidenten in die amerikanische Verfassung aufgenommen.

Der Nachweis, dass Trump wirklich unzurechnungsfähig ist, dürfte schwer zu führen sein. Noch weniger wahrscheinlich ist, dass ausgerechnet der stockkonservative Vizepräsident Mike Pence und das handzahme Kabinett – wie vom Gesetz gefordert – die Revolte gegen Trump einleiten würden.

Dann könnte schon eher ein reguläres Amtsenthebungsverfahren eröffnet werden. Ein denkbarer Anlass wäre, wenn Sonderermittler Robert Mueller tatsächlich landesverräterische Absprachen von Trump mit russischen Offiziellen oder eine Verwicklung des Schwiegersohns Jared Kushner in Geldwäsche-Geschäfte nachweist und der Präsident daraufhin den Ermittler feuert.

Doch so weit ist es noch nicht. Und selbst dann könnte das Verfahren nur mit Zustimmung der Republikaner eröffnet werden, die bislang ganz überwiegend aus zynischem Opportunismus hinter Trump stehen.

Das wird sich so lange nicht ändern, wie der Präsident den politischen Erfolg garantiert. Die Zwischenwahlen im November, bei denen das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu besetzt werden, sind daher das überragende Ereignis in Trumps zweitem Amtsjahr.

Größere Gesetze dürfte er kaum noch durchbringen. Das eröffnet theoretisch Spielraum zur Profilierung der Demokraten. Überwindet die Oppositionspartei endlich ihre Selbstfixierung, könnte sie den Protest der linken und die Unzufriedenheit vieler unabhängiger Wähler aufgreifen und die Mehrheitsverhältnisse im Repräsentantenhaus umdrehen.

Vor ein paar Monaten noch galt ein solches Szenario als utopisch. Nach den überraschenden Wahlerfolgen in den US-Bundesstaaten Virginia und Alabama aber sehen viele Beobachter eine reale Chance. Sollten die Demokraten tatsächlich das Parlament erobern, dürfte das Schicksalsbündnis der Republikaner mit dem Präsidenten ernste Risse bekommen. Für Trump würde die Gesetzgebung noch schwieriger. Vielleicht verlöre der sprunghafte Selbstdarsteller dann die Lust am Regieren. Auf jeden Fall dürfte sein Nimbus an der Basis erodieren. Eine Amtsenthebung würde wilde Dolchstoßlegenden der Verschwörungstheoretiker befeuern. Durch eigenen Misserfolg aber könnte der populistische Blender wirkungsvoll entzaubert werden.

Anders gesagt: Trump muss schrumpfen. Nur so kann Amerika hoffentlich irgendwann wieder groß werden. 

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