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Der Fall Claas Relotius Absolute Objektivität gibt es nicht

Journalismus soll die Wirklichkeit objektiv abbilden. Aber kann er das? Müssen wir nicht akzeptieren, dass es mehrere „Wahrheiten“ gibt? Der Leitartikel.

Claas Relotius
Der Reporter des „Spiegel“, Claas Relotius, nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. Foto: imago

Eine Warnung vorweg: Dieser Text ist nicht objektiv. Er ist auch nicht neutral. Und zu behaupten, er enthielte nichts als die Wahrheit, wäre eine glatte Lüge.

Nun könnte man sagen: Klar, das hier ist ein Leitartikel, also ein Meinungstext. Meinung ist nie neutral, sie ist immer auch subjektiv, und wer eine Meinung äußert, verkündet selbstverständlich nur seine eigene Wahrheit. Aber eine Nachricht, ein Bericht, auch eine Reportage – sie alle haben objektiv zu sein, neutral und nichts als wahrhaftig.

So sieht die Erwartung aus, die innerhalb der Medien ebenso vorherrscht wie bei vielen ihrer Nutzerinnen und Nutzer. „Sagen, was ist“, lautete der Leitspruch des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein, den das Blatt jetzt auf den Titel hob, als herauskam, dass der Reporter Claas Relotius seine Geschichten zum großen Teil erfunden hatte. Sagen, was ist, das wird meistens so verstanden: Diejenigen, die professionell schreiben oder senden, sollen uns die Welt so zeigen, wie sie ist. Das Meinen sollen sie der Kundschaft überlassen oder wenigstens auf die Kommentarspalten beschränken.

Die Wahrheit im Journalismus

Diese Grundsätze sollen hier keineswegs verworfen werden. Und doch ist hinzuzufügen: Auch in diesem Jahr werden die Medien ihnen nicht in lupenreiner Form gerecht werden können.

Medien, das steckt schon in der Herkunft des Wortes, sind Mittler zwischen dem, was nur sie mit eigenen Augen sehen können, und der großen Öffentlichkeit, die auf mediale Vermittlung angewiesen ist. Der Anspruch, dass Journalistinnen und Journalisten ihre Beobachtungen so wirklichkeitsgetreu wie möglich wiedergeben, darf schon deshalb nicht aufgegeben werden. Aber was bedeutet „wirklichkeitsgetreu“? Oder, um die Frage ins Philosophische zu überhöhen: Kann man vom Journalismus „die Wahrheit“ erwarten?

Was der Reporter Relotius getan hat, spricht natürlich jedem journalistischen Ethos Hohn. Das Recht, ganze Geschichten, einzelne Begegnungen oder auch nur Details zu erfinden, haben Journalistinnen und Journalisten nicht. Das ist eine blanke Selbstverständlichkeit, aber unterhalb dieser Schwelle wird es schon komplizierter.

Natürlich müssen die Medien auswählen

Ist es „wahrheitsgetreu“, wenn eine Korrespondentin oder ein Korrespondent die Rede einer Politikerin, eines Politikers eins zu eins wiedergibt – obwohl eigene Recherchen ergeben haben, dass diese Rede eine nachweisbare Lüge enthält? Oder wird der Bericht nicht erst dann „wahrhaftig“, wenn er auch die andere, die selbst recherchierte „Wahrheit“ enthält? Und: Was hieße es denn, die Rede „objektiv“ wiederzugeben? Den ganzen Text abzudrucken oder zu senden, auch wenn der Vortrag zwei Stunden gedauert hat?

Natürlich nicht, werden Sie sagen. Natürlich müssen die Medien auswählen, weglassen und selbst recherchierte Fakten hinzufügen, wo nötig. Aber, auch das werden Sie vielleicht sagen, sie sollen dabei objektiv und neutral vorgehen. Hier allerdings fängt das Problem an.

Ja, diese Zeitung und viele andere Medien werden sich weiter nach Kräften bemühen, dem Neutralitätsgebot Genüge zu tun. Und doch wäre viel gewonnen, wenn sich alle einig wären, dass das niemals zu hundert Prozent gelingen kann.

Keine Wiedergabe von Ereignissen und Fakten, und sei sie noch so sehr um Wahrhaftigkeit und journalistische Sauberkeit bemüht, wird je die reine und objektive Wahrheit enthalten. Immer wird die Perspektive des oder der Beschreibenden, die persönliche Haltung, die emotionale Wirkung des Geschehens Spuren hinterlassen. Immer wird die Journalistin, der Journalist eine Auswahl treffen, die zwar nach bestem Wissen und Gewissen repräsentativ ist für das Erlebte, aber immer auch davon abhängt, wie das „Wissen und Gewissen“ der berichtenden Person beschaffen ist.

Könnten sich die Medien mit ihren Nutzerinnen und Nutzern darauf verständigen, diese Einschränkungen zu akzeptieren, dann wäre das keineswegs ein Freibrief für den Journalismus, Bericht und Kommentar, Fakten und subjektive Wahrnehmung frei nach Schnauze zu vermischen. Es wäre ein Auftrag an die Medien, die subjektiven Elemente, die eigene Haltung und Perspektive in den Berichten selbst transparent zu machen, statt eine absolute Objektivität zu behaupten, die es so nicht geben kann.

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