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China Angewiesen auf Kooperation

Eine neue Seidenstraße wird es nicht geben, allenfalls wenige schnelle Verbindungen zu Chinas Absatzmärkten. Der Leitartikel.

China
China plant ein neues Verkehrsnetz. Foto: CHINA STRINGER NETWORK (X03234)

Der Pekinger Gipfel zur Neuen Seidenstraße – Staats- und Regierungschefs aus 29 Ländern und Vertreter aus mehr als 100 weiteren Ländern – ist mit einem Eklat zu Ende gegangen. Deutschland, vertreten von Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries, und die meisten anderen EU-Staaten unterzeichneten das Schlussdokument nicht.

Sie hatten verlangt, dass ebenso wie chinesischen Firmen in Europa auch europäischen in China das Recht zugestanden wird, als Investoren zu 100 Prozent tätig zu sein. Zurzeit gilt zum Beispiel in der Automobilindustrie, dass sie nur in Zusammenarbeit mit einheimischen Unternehmen agieren dürfen. Das ist zwar nur ein Nebenproblem der Initiative für eine Neue Seidenstraße, aber Europa will klarmachen, dass es die Initiative, solange nicht wirklich freie Handelsbeziehungen herrschen, mit Skepsis betrachtet.

Was ist die Neue Seidenstraße? Sie soll ein Verkehrsnetz werden, das Gas- und Ölleitungen, Straßen und Eisenbahnverbindungen zwischen China und Europa herstellt. Mindestens ebenso wichtig sind die Planungen für eine maritime Seidenstraße, die Afrika, Sri Lanka und die Golfstaaten miteinbeziehen soll.

Deren Wichtigkeit verdeutlichen ein paar Zahlen: Die größten Containerschiffe fassen rund 20.000 Zwanzig-Fuß-Container. Ein Containertragwagen der Bundesbahn kann zwei davon transportieren. Man braucht also knapp 10.000 Waggons, um eine Schiffsladung zu transportieren. Ein Waggon ist neun Meter lang. Das ist also eine Strecke von 90 Kilometern! Dafür dauert der Transport über die Ozeane bis zu dreißig Tage länger als die Bahnfahrt. Mehrere chinesische Metropolen sind inzwischen bereits mit Istanbul, Duisburg, Hamburg, Madrid und Rotterdam verbunden. Im April kam eine neue Verbindung zwischen London und dem im Südosten Chinas gelegenen Yiwu hinzu.

Man hat errechnet, wenn China alle geplanten Leitungen, Wege, Häfen und Umschlagplätze bauen würde, so müssten bis 2030 etwa 24 Billionen Euro aufgebracht werden. Es wäre das größte Investitionsprogramm der Menschheitsgeschichte. Analysten weisen zu Recht darauf hin, dass die chinesische Bevölkerung erst einmal die Hauptleidtragende dieses gigantischen „Sprungs nach vorn“ sein werde. Zugleich aber sagen sie auch, dass China angesichts seiner riesigen Überproduktion den Export mit allen Mitteln beschleunigen müsse. Eine gefährliche Zwickmühle. Nicht nur ökonomisch, sondern, je länger sich das Projekt hinzieht, desto mehr auch politisch.

Indien attackiert die Neue Seidenstraße, Pakistan bockt. Je enger Russland und China dabei zusammenarbeiten werden, desto mehr werden sie einander unter dem Tisch gegen die Beine treten. Desto kritischer werden aber alle Nachbarstaaten auf die drohende Allianz der beiden Supermächte der Region blicken. Für China ist Zentralasien ein Durchzugsland. Es möchte seine Produkte am liebsten in Europa absetzen. Da sind die Gewinnspannen am größten. Die Riesenstrecke ist aber von Peking aus nicht zu kontrollieren. China ist angewiesen auf die Kooperation. Sie wird sich die erkaufen wollen, aber mit jedem Kilometer wird der Preis steigen.

Die alte Seidenstraße unterstand, von der kurzen Herrschaft der Mongolen abgesehen, nie einer zentralen Macht. Sie befand sich im „Land der tausend Städte“. Hunderte Fürstentümer, in denen es der Bevölkerung deutlich besser ging als im mittelalterlichen Europa. Gegenden, in denen Philosophie und Musik, Literatur und Malerei blühten. Das war der Humus, der die Seidenstraße und den die Seidenstraße nährte. Davon ist der Zustand dieser Weltregion derzeit Lichtjahre entfernt.

Die größte ökonomische und technische Effizienz hilft nichts, wenn politisch in diesen Landstrichen nichts geschieht. Chinas Geld wird sonst auf sehr kurzen Wegen in den Kellern von Banken auf den Cayman Islands oder in Zürich landen.

Hinzu kommt: Korruption ist in China ein großes Thema. Gerade weil so viel Geld bewegt wird. Die nahezu nicht zu kontrollierenden Milliarden, die an den verschiedensten Ecken der Welt ausgegeben werden, sind sicher auch in China selbst Treibstoff für Spekulation und Korruption. Der pakistanische Journalist Ahmed Rashid hofft mit vielen anderen Beobachtern, dass China, schon um seine Investitionen zu sichern, für politische Stabilität in der Weltregion sorgen werde.

Dagegen scheint Skepsis angebracht. Indien fühlt sich durch die jetzt erst einmal zurückgestellten Pläne einer großen Hafenanlage in Colombo (Sri Lanka) bedroht und protestierte, als die chinesische Marine in Gwadar an der Südwestküste Pakistans einen Stützpunkt aufbauen wollte. Ein ehemaliger indischer Außenminister erklärte das chinesische Vorhaben einer Neuen Seidenstraße für „eine politische und strategische Provokation“.

Die Volksrepublik China wird mit den Völkern zwischen seiner Westgrenze und Duisburg nicht umspringen können, wie sie das mit der eigenen Bevölkerung mal zu deren Verderben, mal zu deren Nutzen tat.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier China

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