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Charlie Hebdo Islamophobie wird weiter wachsen

Zu Recht appelliert Hollande an die Franzosen, angesichts des Angriffs auf ihre freie Gesellschaft die Reihen zu schließen. Er wird es schwer haben, gegen die Angst zu argumentieren. Der Fr-Leitartikel.

Frankreich kann nicht weitermachen, als ob nichts gewesen wäre. Das weiß auch Präsident Hollande. Foto: rtr

Das Beste wäre, weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Die Toten betrauern, die Täter strafrechtlich verfolgen, aber sich durch den Terror nicht aus dem Tritt bringen lassen. Denn genau das ist es doch, was die Attentäter wollen, die in Paris die halbe Redaktion des Satireblattes „Charlie Hebdo“ massakriert haben. Sie wollen die durch Wirtschafts- und Identitätskrise verunsicherte französische Gesellschaft straucheln lassen. Sie wollen vernichten, was sie ausmacht, was sie stark macht: Feingeist, Humor, Gelassenheit, Laisser-faire und Freiheit, viel Freiheit vor allem.

Aber natürlich kann Frankreich nicht weitermachen, als ob nichts gewesen wäre. Der Schock sitzt zu tief. Wahre Kriegsszenen haben sich im Herzen der französischen Hauptstadt abgespielt. Das Bild von der Hinrichtung eines schwer verletzten Polizisten, dem ein vermummter Terrorist die Mündung seiner Schnellfeuerwaffe an die Schläfe hält und abdrückt, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Vor allem aber hallen die Schreie der Attentäter, in ganz Frankreich in den Köpfen nach: Allah ist groß, wir haben den Propheten gerächt.

Es ist nicht schwer, diese Schreie als Vereinnahmung einer der Nächstenliebe verpflichteten Weltreligion durch Gewaltverbrecher zu entlarven. Ein bisschen nachdenken genügt. Aber wo die Angst waltet, hat der Kopf nicht mehr viel zu melden. Und die Angst wächst. Am Tag nach dem Blutvergießen bei „Charlie Hebdo“ sind in Paris erneut Schüsse gefallen. Gewiss, es waren nicht die Täter vom Vortag, die diesmal geschossen und eine Polizistin umgebracht haben. Aber der Angst tut das keinen Abbruch. Soziologen warnen bereits vor einer kollektiven Psychose.

Die Reihen schließen

Und so darf man getrost davon ausgehen, dass immer weniger Menschen bereit sein werden, zwischen den Islam missbrauchenden Terroristen und friedfertigen Muslimen zu unterscheiden. Die Islamophobie wird in Frankreich weiter wachsen. Was dies für das Land heißt, das mit rund sechs Millionen Muslimen die größte islamische Gemeinde Europas beherbergt, ist unschwer auszurechnen. Wachsende gesellschaftliche Spannungen sind noch eine beschönigende Umschreibung für das, was Frankreich bevorsteht.

Aus gutem Grund appelliert François Hollande gebetsmühlenartig an seine Landsleute, angesichts der terroristischen Herausforderung die Reihen zu schließen. Als „fest gefügten Block“ wünscht er sich die Gesellschaft. Aus gutem Grund hat Hollande führende Repräsentanten der muslimischen, jüdischen und christlichen Gemeinde in den Elysée-Palast eingeladen, die einander vor laufenden Fernsehkameras die Hand gereicht und den Terror verurteilt haben. Aus gutem Grund beschwört der Staatschef unermüdlich die Ideale der Republik. Ganz vortreffliche Ideale sind das. Allein Demokratie und Menschenrechten verpflichtet, sollen die Franzosen unterschiedlicher Kultur und unterschiedlichen Glaubens gedeihlich zusammenleben – das ist die schöne, staatstragende Idee, die an der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu zerschellen droht.

Fragt sich nur, ob Hollande Gehör findet, ob die Stimme der Vernunft durchdringt. Skepsis ist angebracht. So sehr ein Volk dazu tendieren mag, sich angesichts terroristischer Bedrohung hinter die Staatsmacht zu stellen: Hollande, der in zweieinhalb Amtsjahren die Wirtschaftskrise nicht annähernd in den Griff bekommen hat, ist der unbeliebteste Präsident der Fünften Republik. Sein Vertrauenskapital scheint verspielt. Dass er angesichts der terroristischen Gefahr mehr verspricht, als er halten kann, dürfte seine Glaubwürdigkeit weiter aushöhlen.

Mehr Schutz kann es kaum geben

Mehr Schutz vor Terroranschlägen, wie ihn Hollande in Aussicht stellt, kann es in einer offenen demokratischen Gesellschaft wie der französischen kaum geben. Zumal die Täter meist aus der Mitte der Gesellschaft kommen, oft erst als handelnde Terroristen auf sich aufmerksam machen. Das Massaker in den Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo“ ist ja nicht mangelnden staatlichen Vorkehrungen zuzuschreiben. Zwei Polizisten hielten sich zur Tatzeit im Gebäude auf. Genützt hat es nichts. Die mit der Kaltblütigkeit von Profikillern zu Werke gehenden Fanatiker haben die Polizisten wie den Chefredakteur erschossen.

Diejenigen, die an die Angst der Franzosen appellieren, dürften sich auf alle Fälle leichter tun als der Differenzierungsvermögen einfordernde Präsident. Die Rechtspopulisten des Front National, die den Problemen des Landes mit Schuldzuweisungen an die Adresse der EU, der Immigranten und der Muslime zu begegnen pflegen, sehen ihre Stunde gekommen. In dem Wissen, dass sie so manchem Verängstigten aus dem Herzen spricht, hat Marine Le Pen, Chefin des Front National, noch am Tag des Anschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert. Bleibt nur die Hoffnung, dass Frankreichs Demokraten dagegenhalten, dass sie ein wenig von der Kaltblütigkeit an den Tag legen, die ihren Gegnern zu eigen ist.

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