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Bundeswehr Armee mit moralischen Defiziten

Ursula von der Leyen hat sich mit ihrer Kritik an der Bundeswehr unbeliebt gemacht. Sie hat aber auch ein Problem benannt, das unter der Decke gehalten wurde. Der Leitartikel.

Illkirch
Die Truppe hat ein moralisches Problem. Foto: Patrick Seeger (dpa)

Es gibt ein Problem bei der Bundeswehr, und dafür lässt ein Ausbilder einen Trupp Rekruten an einem regnerischen Tag im Kasernenhof antreten. „Warum kriegen Sie es immer noch nicht hin, dass sämtliche Kleidungsstücke oder Rucksäcke beschriftet ist?“, schreit er, Grammatikfehler inklusive. Die jungen Soldaten frieren und schauen betreten vor sich hin.

Die Szene stammt aus der Doku-Serie „Die Rekruten“, die das Verteidigungsministerium ins Internet gestellt hat. Es war eine PR-Aktion zur Nachwuchswerbung, es ging um das Ablegen der Piercings am ersten Tag und ums Gewehrzusammenbauen am 41. Später freute sich das Ministerium, man habe es über die Serie geschafft, die Bundeswehr zum Pausengespräch auf vielen Schulhöfen zu machen.

Aber es gibt ganz andere Probleme bei der Bundeswehr. Sie haben die Armee seit ein paar Monaten nicht nur zum Pausengespräch auf Schulhöfen gemacht, aber sie kommen in der Serie nicht vor. Es ging zunächst um sexuelle Belästigungen, folterähnliche Ausbildungspraktiken, Erniedrigungen, Machtmissbrauch. Nun ist ein Rechtsradikaler mit Attentatsplänen aufgeflogen. Die Öffentlichkeit erfährt nicht nur von der Existenz von Orten wie Pfullendorf, Sondershausen, Bad Reichenhall. Sie erfährt vor allem von Vorgängen, die vieles gleichzeitig sind: ekelhaft und erschütternd, abstoßend und alarmierend. Was alle Vorgänge eint: Sie sind unter der Decke gehalten worden und erst nach Monaten, teilweise Jahren, aufgeflogen.

Ist also etwas faul in dieser Truppe, die das Land schützen soll? Muss man nicht eher das Land vor dieser Truppe schützen? Es hat ein Aufjaulen gegeben, als die Verteidigungsministerin von Führungsversagen sprach und davon, dass man angesichts der Häufung der Vorkommnisse ein tiefergehendes Problem habe und nicht mehr von Einzelfällen sprechen könne. Von dramatischem Vertrauensverlust in die Ministerin sprechen Oppositionspolitiker und Bundeswehrverband, weil sie den Soldaten in den Rücken gefallen sei. Die eigene Partei zeigte ihr Missfallen in fehlenden Unterstützungsbekundungen. Das Entsetzen über von der Leyens Worte scheint fast größer zu sein als das über die Taten. Die Sturzgefahr ist so akut, dass die Ministerin eine USA-Reise absagt.

Es kommt da mehreres zusammen: offene Rechnungen, Wahlkampfgetöse und eine für manch Traditionalisten unbequeme Ministerin, die manchmal allerdings auch eine etwas zu große Show abzieht und die Schuld gerne bei anderen sucht. Man kann ihr vorwerfen, zu langsam und zu spät reagiert zu haben. Und als Oberste Befehlshaberin, seit vier Jahren im Amt, hat sie mindestens eine Mitverantwortung.

Falsch liegt sie aber nicht: Natürlich ist es Führungsversagen, wenn ein Soldat eine offen rechtsextreme Examensarbeit abliefert und anschließend nichts passiert. Es ist mehr als ein Versehen, wenn Folter und Perversion in manchen Einheiten zu Ausbildungs- oder Einstandsritualen gehören.

Die Bundeswehr ist deswegen keine Ansammlung von Rechtsextremen, Perversen und Sadisten. Aber die Grenzen von Befehl und Gehorsam scheinen nicht jeden zu erreichen, genauso wenig wie der Unterschied zwischen schräger Ansicht und Extremismus. Korpsgeist, Unsicherheit, Desinteresse, Machokultur können dazu beitragen.

Die Abschaffung der Wehrpflicht ist nicht ursächlich. Die gibt es seit 2011 nicht mehr. Die Bundeswehr hat zwar jetzt mehr Schwierigkeiten als zuvor, Nachwuchs zu gewinnen. Aber an den aktuellen Fällen sind Soldaten beteiligt, die nicht erst mit dem Wehrpflichtende in die Kasernen kamen. Allen voran die Vorgesetzten, die weggesehen haben. Und abartige Praktiken sind auch in der Wehrpflichtarmee immer wieder aufgeflogen. Es gab das Rohe-Schweineleber-Essen in Mittenwald, Folterspiele in Coesfeld, sexuelle Erniedrigung in Zweibrücken, Totenschändung in Afghanistan.

Immer wieder war von Einzelfällen die Rede. Dann war Schweigen und der Verweis darauf, dass die Vermittlung demokratischer Grundwerte zur Ausbildung von Soldaten gehört. Das stimmt. Zum Standard wird es aber wohl auch gehören, dass Unterrichtsteile wie im Traum vorbeiziehen oder zwar auswendig gelernt, aber nicht verstanden werden. Das ist nicht nur in der Bundeswehr so, aber wo Waffen im Spiel sind, wiegt Menschenverachtung besonders schwer.

Dazu passt, dass Bundesinnenminister Thomas de Maizière eine Leitkulturdebatte losgetreten hat. Es war ein Versuch, sich parteipolitisch zu profilieren über einen Verhaltenskodex für vermeintlich unzivilisierte Flüchtlinge. De Maizière, der selbst schon Verteidigungsminister war und – dritter Zufall – auch der Sohn des Generalinspekteurs ist, der das Bild vom Soldaten als „Staatsbürger in Uniform“ entwarf, hielt sich dabei auf mit Hinweisen aufs Händeschütteln und die Bedeutung von Konzerten bei öffentlichen Empfängen. Die Bundeswehrfälle zeigen, dass es nötig ist, sich bei einer anderen Zielgruppe um schwerwiegendere Grundbegriffe zu kümmern.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Bundeswehr

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