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Bundesliga Vielfraß Fußball

Spidercams, Roboter, Trackingsysteme – und immer mehr Spiele gibt es auch im TV nur für Geld: Was hat das Geschäft mit Sport zu tun?

Frankfurt - Leipzig
Die Montagsspiele sind bei den Fans wenig populär. Foto: Imago

Just zum Halali der Bundesligasaison haben die umtriebigen Macher des deutschen Profifußballs die Zukunft eines einstmals einfachen Spiels in komplexer Hochauflösung präsentiert. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) lud erstmals zur Fachmesse technischer Innovationen nach Düsseldorf und gewährte tiefe Einblicke, wie das Business unaufhaltsam vorangetrieben wird.

Spidercams sausten an fast unsichtbaren Aufhängungen über dem Spielfeld der Düsseldorfer Arena umher, Drohnen näherten sich etwas gemächlicher aus größeren Höhen, Roboterkameras versteckten sich hinter Toren, in Eckfahnen und Tribünen, kamerabestückte Buggys flitzten schienenlos an den Außenlinien entlang. Funk-, Chip- und GPS-gesteuerte Trackingsysteme zerlegen das Spiel in Einzelteile und verfolgen dessen hochbezahlte Protagonisten bis in die Hüftbeugermuskulatur hinein.

Auf diese Weise soll das Vier-Milliarden-Euro-Geschäft Fußball-Bundesliga weltweit noch attraktiver gestaltet und der Markenkern der Liga gestärkt werden. Der Vielfraß braucht ständig frisches Futter. Und niemand tut so, als habe der gehäutete Profifußball in Deutschland noch sonderlich viel mit Sport in dessen Ursprungsgedanken zu tun. Es geht ums Storytelling, um die große Inszenierung. Die DFL selbst nimmt sich als großes Medienunternehmen der Entertainmentbranche wahr.

Bei manchem Fan mag das mehr als bloß Magengrummeln verursachen. Zumal vor dem Hintergrund, dass der FC Bayern im sechsten Jahr in Folge den Meistertitel mit einem derart großen Vorsprung gewinnt, dass es der Bundesliga ganz konkreten Schaden zufügt. Der Schatten der Langeweile liegt düster über dem Spielbetrieb. Wofür nicht die Bayern selbst in erster Linie verantwortlich gemacht werden sollten, sondern deren hinkende Verfolger.

Doch solange die Klubs noch so tun, als sei das ansonsten vollständig kommerzialisierte Business durch eine 50+1-Regel zu kanalisieren, die dem internationalen Großkapital kleinkariert Mehrheitsbeteiligungen an Vereinen verwehrt, können dem Branchenführer allenfalls sporadisch von der nationalen Konkurrenz Unannehmlichkeiten bereitet werden. Zu groß ist der Münchner Vorsprung beim Kassensturz.

Er wird noch wachsen, weil die Erträge aus der Champions League überproportional steigen. Aber im europäischen Vergleich schaffen es deutsche Klubs, die Bayern inklusive, schon seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr in Finalspiele. Eine bedenkliche Entwicklung, die keinesfalls nur den Finanzen geschuldet ist.

Was bleibt von der nun zu Ende gehenden Saison im kollektiven Gedächtnis haften? Zweiter hinter dem Altmeister Jupp Heynckes wird der strebsame Trainer Domenico Tedesco mit Schalke 04; der Traditionsklub 1. FC Kaiserslautern verabschiedet sich aus dem Lizenzfußball in die Drittklassigkeit; Eurosport präsentierte sich als neues Bezahl-Nischenprodukt für echte Kenner; der Videobeweis, mit dem DFL und DFB der übrigen Welt Perfektion Made in Germany präsentieren wollten, sorgte für mehr aufgeregte Debatten, als allen Beteiligten lieb ist.

Erstmals sah der Spielplan fünf Montagsspiele der ersten Liga vor. Die Auswirkungen wurden unterschätzt, in Frankfurt demonstrierten Ultras bei laufendem Spiel friedlich im Innenraum, Tennisbälle flogen aus Protest tausendfach in die Strafräume, in Dortmund wurde in einer halbleeren Arena gespielt, in Mainz warfen Fans Hunderte Klorollen und skandierten: „Montag is’ für’n Arsch“.

Fans und kritische Öffentlichkeit nehmen die Ansetzungen vor allem als Auswüchse einer ungehemmten Kommerzialisierung wahr. Viele Menschen werden sich auch nächste Woche ärgern, wenn die spannenden Relegationsspiele zwischen Drittletztem der Bundesliga und Drittem der zweiten Liga hinter der Bezahlschranke des Eurosport-Players verschwinden. Und sie grämen sich, weil künftig keine deutsche Begegnung in der Champions League mehr ohne Pay-TV-Vertrag übertragen wird. Der Profifußball stillt seinen unbändigen Hunger ohne Rücksicht auf die weniger zahlungskräftige Kundschaft.

Mit Ende der 55. Spielzeit dürfte auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen ehemalige DFB-Funktionäre bald abschließen und Anklage erheben. Das Sommermärchen 2006 bleibt zwar unverändert märchenhaft im kollektiven Weltgedächtnis, ist aber mit einem Makel versehen. Der DFB wird, vielerlei sozialen Aktivitäten seiner Stiftungen zum Trotz, von vielen Menschen schon lange nicht mehr als moralische Instanz wahrgenommen. Er hat sich das selber eingebrockt, die Nachwehen sind schmerzhaft.

Die Nationalmannschaft versucht, sich durch ein eigenes, recht angestrengt wirkendes Markenbild („Die Mannschaft“) vom schlechten Image des Verbandes abzusetzen. Bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft in Russland muss der DFB-Präsident Reinhard Grindel die dezent kritischen politischen Botschaften ans Ausrichterland ohne Unterstützung von Manager Oliver Bierhoff und Trainer Joachim Löw aussenden. Sie selbst und die Spieler wollen unbelastet ihren Fokus voll auf die Titelverteidigung legen. Ganz so, als ginge es im Fußball nur um Sport. 

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