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Breitscheidplatz in Berlin Schlagader eines säkularen Lebens

Das Mahnmal für die Terroropfer steht für ein pulsierendes säkulares Leben und gegen den Nihilismus des islamistischen Terrors. Der Leitartikel.

Berlin
Eine goldene Narbe zieht sich über den Breitscheidplatz in Berlin. Foto: afp

Es ist ein dezentes, fast zurückgenommenes Mahnmal, das nun an die zwölf Menschen erinnern soll, die bei dem Anschlag am Breitscheidplatz vor einem Jahr getötet wurden. Ein 14 Meter langer Riss zieht sich durch das Pflaster, der die Gewalttat vom 19. Dezember des vergangenen Jahres markiert. Zugleich verweist er auf die gesellschaftliche Belastungsprobe, die das Geschehene nicht nur in der kriminalistischen Aufklärung, sondern auch in der schwierigen Suche nach Ritualen des Gedenkens darstellt.

Das Architektenbüro HG Merz und dessen Projektbüro Merzmerz+ haben eine sehr einfache, unaufdringliche Symbolsprache gewählt. Im alltäglichen Einkaufsgedränge, das auf dem nahegelegenen Tauentzien für gewöhnlich herrscht, wird es künftig leicht zu übersehen sein.

Dabei ist der unvermittelte „Riss“ zweifellos das Leitmotiv für die Gestaltung des Gedenkortes, während die goldene Füllung bereits auf die notwendigen gesellschaftlichen Heilungsprozesse anspielt. Diese besondere Spannung herbeizuführen, war die gestalterische Herausforderung bei der Planung des Denkmals.

Auch Kritik am Denkmal

Der Riss durch das Pflaster werde mit einer Legierung aus Halbedelmetallen und Gold analog dem Kintsugi-Verfahren geschlossen, heißt es auf der Internetseite von HG Merz, und bilde so ein sichtbares Zeichen der Unvergänglichkeit. Die Architekten haben zu diesem Zweck den Sachverstand des Aachener Kunstschmieds Michael Hammers hinzugezogen.

Es gehört zu den Eigenschaften des Goldes, nicht zu korrodieren, und ein besonderes Merkmal der Metallmischung bestehe darin, so Hammers, dass sie durch Straßenreinigungsmaschinen oder Menschen, die darüber laufen, poliert werde. Der Werkstoff harmoniert mit der Idee: Er macht den Riss sichtbar, aber verschließt ihn doch auch.

Die künstlerisch durchaus überzeugende Formsprache des Entwurfs hat die Entscheidung zur Errichtung des Denkmals jedoch nicht vor Kritik bewahrt. Die Gravur der Namen der Opfer in die flachen Treppenstufen vor der Gedächtniskirche empfinden viele als unangemessen. Die Opfer werden in einem buchstäblichen Sinn mit den Füßen getreten, lautet ein Einwand. Den individuellen Bedürfnissen der Angehörigen der Opfer kann ein Denkmal, das an „die Opfer“ erinnern soll, ohnehin nicht gerecht werden.

Die tiefe Wunde klafft noch immer

Ein anderer Einwand richtete sich gegen den Zeitpunkt der Denkmalsenthüllung. Knapp ein Jahr nach dem Anschlag sei die Gesellschaft noch nicht so weit, die tiefe Wunde, die der Terror in den sozialen Körper gerissen hat, in einer angemessenen symbolischen Form zu verarbeiten.

Das ist nicht ganz unbegründet, und man konnte zuletzt mit dem Bekanntwerden immer neuer Ermittlungspannen tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass die politisch Verantwortlichen danach trachten, besonders schnell mit dem Folgen des Anschlags fertig zu werden.

Sieht man jedoch von möglichen tagespolitischen Intentionen einmal ab, dann wirken die Gegenargumente zugleich auch sehr statisch und scheinen einen spürbaren Wandel in der Gedenkpolitik im öffentlichen Raum außer Acht zu lassen.

Die großen Denk- und Mahnmale, insbesondere jene, die an die Verbrechen der nationalsozialistischen Terrorherrschaft erinnern, sind oft mit einiger historischer Verspätung errichtet worden, und als solche auch Zeichen eines gesellschaftspolitischen Wandels im Umgang mit den Geschehnissen selbst.

Die Debatte um das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas unweit des Brandenburger Tores war weit über den am Ende ausgewählten Entwurf von Peter Eisenman hinaus eine exemplarische Auseinandersetzung über die Bedeutung des singulären historischen Menschheitsverbrechens in der demokratischen Gesellschaft.

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