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Atomzeitalter Die Selbstzerstörung

In den Jahrzehnten nach Hiroshima und Nagasaki sprach man vom Atomzeitalter. Ist es vorbei? Kommt es wieder? Schaffen wir uns doch noch ab? Der Leitartikel.

Raketenabschuss
Erleben wir die Rückkehr des Atomzeitalters? Foto: imago

Irgendwann bald nach dem Abwurf der Bomben über Hiroshima und Nagasaki begann man davon zu sprechen, dass die Menschheit in eine neue Epoche eingetreten sei. Robert Oppenheimer war der Cheforganisator des Manhattan Project, das die ersten Atombomben baute. Der in New York geborene Physiker deutsch-jüdischer Abstammung erzählte 1965 – mit Tränen in den Augen – in einem Fernsehinterview, ihm sei bei der ersten Probezündung am 29. Mai 1945 ein Vers aus dem indischen Gedicht Bhagavad Gita (dem Gesang des Erhabenen) eingefallen: „Jetzt bin ich zum Tod geworden, dem Zerstörer der Welten.“

Dass das vorgeblich unteilbare Atom doch teilbar war, hatten am 17. Dezember 1938 schon Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Straßmann gezeigt. Dass dabei unglaubliche Mengen an Energie freigesetzt werden konnten, wusste jeder Physiker. Die warnten die Politiker. Unfassbar wäre es, wenn das nationalsozialistische Deutschland sich atomar bewaffnen würde. Hitler begann von der „Wunderwaffe“ zu träumen. Niemand wusste, wie nahe seine Wissenschaftler an ihrer Realisierung waren.

Als der Krieg im Westen von den Alliierten gewonnen war – mit, wie man sich bald angewöhnte zu sagen, „konventionellen“ Waffen –, zündeten die USA am 6. und 9. August Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Die beiden Städte versanken in Schutt. 100 000 Menschen starben sofort. Bis Ende 1945 weitere 130 000 und später noch viele mehr an den Folgen. Am 2. September 1945 kapitulierte Japan. Damit war der Zweite Weltkrieg zu Ende.

Am 29. August 1949 zündete die Sowjetunion ihre erste Atombombe, 1952 folgten Großbritannien, 1960 Frankreich und 1964 China. Heute haben Indien, Israel, Pakistan und Nordkorea Atombomben. Iran und Saudi-Arabien betreiben Kernwaffenprogramme. Bei einem halben Dutzend weiterer Staaten kann man davon ausgehen, dass sie gerne welche hätten.

Dennoch reden wir schon lange nicht mehr vom Atomzeitalter. Selbst in den 80er Jahren, als die atomare Aufrüstung auf vollen Touren lief und nicht nur in Deutschland Hunderttausende gegen den Atomtod demonstrierten, war der Begriff längst aus der Mode gekommen. Die gleichnamige Zeitschrift hatte es nur von 1959-1968 gegeben. „Atomzeitalter“, das klang nach einer Epoche, in der ein Franz Josef Strauß Deutschland Zugriff auf den Atomknopf verschaffen wollte.

Als dann Atomkraftwerke gebaut wurden, feierte man das meist als die positive Seite einer massenmörderischen Erfindung. Als dann Anfang der 70er Jahre die Atomkraftwerke mit dem Slogan „Friedlich in die Katastrophe“ bekämpft wurden, sprach niemand mehr vom Atomzeitalter. Es war jetzt überall und darum unsichtbar.

Es kamen neue Begriffe auf. Der neueste ist Anthropozän. Seine Epoche soll beginnen von dem Moment an, da die Menschheit zu einem geologischen Faktor geworden, ihr Einfluss auf die Atmosphäre so gewaltig geworden sei, dass sie nicht nur sich selbst, sondern den Bedingungen für das Leben auf der Erde den Garaus machen könnte.

Was das Artensterben angeht, ist wohl bereits ein Punkt erreicht, bei dem selbst nach einer Abschaffung der Menschheit nur sehr schwer wieder ein Gleichgewicht erreicht werden könnte. Die Produktion von Treibhausgasen, die immer weiter sich ausbreitenden Monokulturen zerstören Atmosphäre und Böden.

Das atomare Katastrophenszenario wird vom neuen deutlich übertrumpft. Wir scheinen unbegabt, aus dem Regen nicht in die Traufe zu kommen. Im August 1946 – also lange bevor er sie bauen ließ – nannte Mao Zedong die Atombombe einen Papiertiger. Nun, dieser Papiertiger hat uns womöglich das Leben gerettet. Der Preis für den Einsatz von Atombomben war der, selbst unter atomaren Beschuss zu geraten. Er erschien ein paar Jahrzehnte lang deutlich zu hoch.

Wir müssen davon ausgehen, dass die Möglichkeit des Einsatzes taktischer Atomwaffen heute an mehr Stellen in der Welt erwogen wird als noch vor zehn Jahren. Es melden sich ja sogar wieder Stimmen, die für deutsche Atomwaffen plädieren.

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