Lade Inhalte...

Antisemitismus Wir könnten alle Kippa tragen

Alle sind gefordert, sich gegen Antisemitismus zu positionieren - egal, ob er von Deutschen oder Zuwanderern ausgeht, als Judenhass oder Israelkritik daherkommt. Schweigen hilft nur den Falschen. Der Leitartikel.

Gedenkstätte Gleis 17 im Bahnhof Grünwald
Am Bahnhof Grünwald erinnert ein Mahnmal an die Deportation der Juden im Nationalsozialismus (Archivbild). Foto: imago

Am hellen Tage, auf offener Straße, in einem bürgerlichen Berliner Quartier gefällt es einem arabisch sprechenden jungen Mann, über einen Kippa tragenden Passanten herzufallen und ihn mit einem Ledergürtel zu verprügeln. Der Vorfall ist sicher nicht einzigartig, aber der Attackierte war geistesgegenwärtig genug, den Vorfall mit dem Handy zu filmen – womöglich hatte sich die Gewalt verbal angekündigt, der Angreifer schreit deutlich hörbar „Jahudi, Jahudi“ – Jude, Jude.

Nun hat die Öffentlichkeit die seltene Gelegenheit, einen antisemitischen Angriff aus der Opferperspektive mitzuerleben. Man kann sich in die Lage des jungen Israelis versetzen und ist – bei aller Abgebrühtheit – entsetzt.

Seit langem geschehen solche Dinge. Schon vor der großen, von Muslimen dominierten Flüchtlings- und Migrantenbewegung gab es den ekelhaften, rechtsextremen wie auch gutbürgerlichen deutschen Judenhass – im linken Milieu gern als Israelkritik getarnt. Seit aber antijüdisch verzogene Leute in großer Zahl eingewandert sind, geht es immer häufiger zur antisemitischen Tat. Es zeigt sich, dass einheimischer und zugewanderter Judenhass einander ergänzen und verstärken.

Lange wurde der von zugewanderten Judenfeinden ausgehende Hass kleingeredet, um nicht die latente Flüchtlingsskepsis in der Bevölkerung weiter zu verstärken. Es stimmt, dass pauschale Anschuldigungen nach dem Motto, alle Muslime seien Antisemiten, vor Blödsinn triefen. Aber wie wir sehen, führt das Verdrängen und Kleinreden vor allem zur Ausbreitung des Gefühls, dass Juden zu beschimpfen oder zu verprügeln wohl einen Schwall von Empörungsrhetorik erzeugt, ansonsten aber folgenlos bleibt.

Das Verfahren der Polizei, solche Übergriffe als rechte Hasskriminalität zu behandeln, für die die Herkunft der Täter keine Rolle spielt, mag einmal richtig gewesen sein. Aber die Lage hat sich geändert.

Zuallererst muss deutlich ausgesprochen werden, was nicht zu übersehen ist: Antisemitisch aufgeladene Zuwanderer tragen zusätzliches Gift ins Land. Sprechen es jene gesellschaftlichen Kräfte nicht aus, die sich traditionell der Wahrung der zivilisatorischer Grundnormen verpflichtet sehen, überlassen sie dieses Feld der AfD und Schlimmeren.

Diese haben ihre Chance bereits erkannt. Sie platzieren ihre Propaganda nicht ungeschickt, denn keiner kennt die juden- und fremdenfeindlichen Strömungen besser als sie. Sie schwimmen ja darin.

Starbucks als Vorbild

Ein paar Demos, die Benennung eines Antisemitismusbeauftragten – alles schön und gut, aber es reicht nicht. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hat, anders als von ihm gewohnt, diesmal schnell reagiert – mit einer Erklärung, die eine der üblichen Floskeln an die andere reiht.

Eindrucksvoll führt hingegen die Cafékette Starbucks vor, wie entschlossenes Vorgehen gegen Rassismus aussehen kann: Nachdem in einer Filiale in Philadelphia zwei Afroamerikaner schwer diskriminiert wurden, schließt das Unternehmen alle seine Cafés in den USA – 8000 an der Zahl – für einen halben Tag und lässt sämtliche 175 000 Mitarbeiter in dieser Zeit ein Training gegen rassistische Vorurteile und Diskriminierung absolvieren.

Firmenchef Kevin Johnson versichert, das Anti-Rassismus-Seminar sei nur eine Maßnahme von mehreren. Was für ein klares Zeichen! Es sagt: Nicht bei uns, das dulden wir nicht.

Echo als Mahnung

Ein schlechtes Gegenbeispiel liefern soeben die „Echo“-Organisatoren. Erst vergeben sie Preise an Leute, die sich auf Kosten von Holocaust-Opfern belustigen und ihrem anfälligen jugendlich-männlichen Kernpublikum mitteilen „Hey, Juden bashen ist megacool“. Und jetzt geben die Echo-Leute, erschreckt von den Protesten, die übertölpelte Unschuld.

Die Künstler, die ihre Preise angewidert zurückgeben, beflügeln wie Starbucks die Fantasie. Was könnte man noch tun? Schulen müssten rassistisch erziehenden Eltern klarmachen: Ihr haftet für die Hetze der Kinder. Die Anti-Mobbing-Profis, die Familienministerin Franziska Giffey aussenden will, könnten Überbringer dieser Mitteilung sein. Sawsan Chebli, Berliner Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement, hat vorgeschlagen, allen Schülern KZ-Besuche zur Pflicht zu machen.

Das ist richtig, verlangt aber hohen pädagogischen Betreuungsaufwand – in vielen Fällen wird ein antisemitischer Gruppengeist oder auch nur Unreife zu besiegen sein.

Politiker wiederum müssen sich klarmachen, dass der Bürger merkt, wenn das Kränzeablegen in Gedenkstätten zur Routine herabsinkt. Wir könnten auch alle Kippa tragen, gerade weil Kippa-tragen gefährlich ist.

Der Starbucks-Chef, immerhin der Vertreter einer Massenkultur, sagt: Es geht um Engagement auf jeder Ebene des Unternehmens. Unser Großunternehmen heißt Gesellschaft. Es geht um die Verteidigung von Zivilisiertheit gegen Barbarentum.

 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen