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Altenpflege Vom Wert der Pflege

Eine gute Versorgung im Alter geht nicht mit unterbezahlten Beschäftigten. Sozialexperten fordern bereits ein neues Pflegesystem nach skandinavischem Vorbild. Der Leitartikel.

Altenpflege
Bei der Altenpflege herrschen noch immer gravierende Mängel. Foto: imago

Es gibt eine völlig unpassende Werbekampagne des Bundesgesundheitsministeriums, in der adrett zurechtgemachte Senioren und junge Altenpflegerinnen davon schwärmen, wie toll die Pflegepolitik der Bundesregierung ist.

Der 89-jährige Bernhard, so heißt es auf einem Motiv der mit Steuergeld in sechsstelliger Höhe bezahlten Kampagne, genieße nun die Zeit mit neuen Freunden im Pflegeheim. Herr Hiller, 95, schätzt das Gespräch mit dem Pflegepersonal. Und Pflegerin Jenny darf sagen, wie kostbar die Zeit mit alten Menschen sei. Sie alle heben einen Arm angewinkelt nach oben, wie Bodybuilder beim Wettkampf.

Schöne heile Welt. Nur leider sieht die Realität anders aus. Die Pflegeeinrichtungen in Deutschland sind chronisch unterbesetzt, Stress und Hektik bestimmen den Alltag der Mitarbeiter. Im Nachtdienst ist ein Pfleger für 50 oder sogar noch mehr Pflegebedürftige zuständig.

Teilzeitquote liegt bei 60 Prozent

Die Beschäftigten bemühen sich redlich, ihre Schützlinge dennoch gut zu betreuen. Doch auch die Pflegebedürftigen leiden unter den Arbeitsbedingungen. Es mangelt nicht nur an Zeit für menschliche Zuwendung. Selbst die Grundanforderung „sauber, satt und trocken“ wird häufiger als früher nicht erfüllt. So ergab der jüngste Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, dass zum Beispiel die Wundversorgung in den Heimen wieder schlechter geworden ist.

Die Pflege von alten Menschen verdient höchste Anerkennung, auch finanziell. Doch das Personal wird mit einer Bezahlung abgespeist, die unangemessen ist.

Ausgebildete Fachkräfte erhalten im Schnitt ein Monatseinkommen von 2600 Euro brutto im Westen und knapp 2000 Euro im Osten. Und selbst das ist häufig nur ein theoretischer Wert. Denn viele Beschäftigte müssen gegen ihren Willen in Teilzeit arbeiten, weil das für die Pflegeheimbetreiber bequemer bei der Dienstplanung ist. Daraus erklärt sich die ungewöhnlich hohe Teilzeitquote von mehr als 60 Prozent. Tarifverträge oder vergleichbare Regelungen gibt es nur partiell; die privaten Betreiber, die immerhin rund die Hälfte des Marktes bestimmen, verweigern sich dem komplett.

Forderungen nach einem neuen Pflegesystem

Die Politik hat zwar in der vergangenen Wahlperiode nach langem Zögern eine Reform auf den Weg gebracht, durch die die Leistungen insbesondere für Demenzkranke erhöht wurden – was längst überfällig war. Doch sie hat sich kaum darum gekümmert, wer eigentlich diese zusätzliche Pflegearbeit leisten soll. Dank der miesen Arbeitsbedingungen bleiben die Altenpfleger nicht lange in dem Job, der Arbeitsmarkt ist leergefegt.

Sozialexperten fordern bereits, das gesamte Pflegesystem einzustampfen und nach dem Vorbild der skandinavischen Länder sowie der Niederlande neu aufzubauen. Dort ist die Pflege eine öffentliche Aufgabe, die weitgehend steuerfinanziert ist und durch die Kommunen oder nicht gewinnorientierte Träger organisiert wird.

Doch für einen solchen Schritt ist es schlicht zu spät: In Deutschland, wo die Pflege wegen des Teilkaskoprinzips der Pflegeversicherung überwiegend von den Familien geleistet wird, würde eine totale Umstellung die Personalprobleme drastisch verschärfen.

Bleibt also nur, das deutsche Pflegesystem zu verbessern. Die Koalition Merkel IV hat zumindest richtig erkannt, dass dazu verbindliche Personalvorgaben, das Senken der Teilzeitquote und flächendeckende Tarifverträge dringend notwendig sind. Um letztere zu erreichen, ist selbst die Union dafür, durch gesetzliche Eingriffe Tariflöhne zu erzwingen. Nur so kann es gelingen, mehr Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen und sie dann auch im Job zu halten.

Etwa drei Milliarden Euro nötig

Doch bei einem entscheidenden Punkt haben Union und SPD gekniffen. Die Grundsatzfrage, die unsere Gesellschaft beantworten muss, heißt: Was ist uns die Pflege wert?

Wollen wir, dass unsere Eltern und Großeltern (und später auch wir selbst) den allerletzten Lebensabschnitt rundherum versorgt verbringen können, frei von finanziellen Sorgen? Das sollte Konsens sein. Doch dann muss auch klar benannt werden, dass die Pflegeversicherung deutlich mehr Geld braucht und daher die Beträge weiter steigen müssen.

Denn es kann nicht sein, dass am Ende allein die Pflegebedürftigen zur Kasse gebeten werden, damit das Pflegepersonal anständig bezahlt werden kann. Schon heute sind für einen Heimplatz monatlich im Schnitt 1700 Euro aus der eigenen Tasche fällig. Die Umstellung auf angemessene Tariflöhne, das zeigen mehrere Beispiele aus den vergangenen Wochen, treibt die Kosten für die Heimbewohner um mehrere Hundert Euro in die Höhe. Dann sind selbst Pflegebedürftige mit vergleichsweise hohen Renten auf Zuschüsse vom Sozialamt angewiesen.

Schätzungen zufolge sind in einem ersten Schritt etwa drei Milliarden Euro zusätzlich nötig, um in der Pflege ordentliche Löhne zu zahlen und überfällige Investitionen in die Einrichtungen vorzunehmen. Um das zu finanzieren, müssten Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils maximal sechs Euro im Monat mehr zahlen. Das sollte uns eine gute Pflege wert sein.

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