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AfD Gepflegter deutscher Pessimismus

Deutschland geht es so gut, dass wir uns schlechte Laune und sogar die AfD leisten können. Der Leitartikel.

Deutschland
Eigentlich läuft doch nicht alles so schlecht, dass der Deutsche als Dauernörgler durch die Gegend laufen müsste. Foto: dpa

Die englische Zeitschrift „The Economist“ amüsiert sich mal wieder über Deutschland. Dem Land gehe es ausgezeichnet, die Leute fahren in schönen Autos und funktionierenden Zügen ins Grüne und füllen die Biergärten, Redet man aber mit den Deutschen, schimpfen sie und verbreiten schlechte Stimmung. 

Diesem eigentümlichen Völkchen scheint Schlimmes zu schwanen. Das sei schon immer so gewesen, meint der Autor und erinnert an Werthers Selbstmord und an Wagners Walhall in Flammen. Dann schreibt er, 26 Prozent der Flüchtlinge, die seit 2015 nach Deutschland gekommen seien, hätten einen Arbeitsplatz. Die Verbrechensrate bewegte sich 2017 auf dem niedrigsten Stand seit dreißig Jahren. 

Man organisiert Auswege

Der Mann hat Recht. Uns geht es gut. Wir werden die „Flüchtlingswelle“ überstehen, wie wir das Waldsterben überstanden haben. 1971 erschien Holger Strohms Klassiker „Friedlich in die Katastrophe“, ein Buch, das uns half zu begreifen, wie überflüssig und lebensgefährlich die Kernenergie ist. Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Pessimismus sich lohnt. Man achtet genauer auf das, was schiefläuft und organisiert – meist erschreckend langsam – Auswege. 

Es ist ein von PR-Beratern – einem der realitätsresistentesten Stämme des Menschengeschlechtes – gepflegter Wahn, das Wichtigste sei gute Laune. Und dann auch noch deren Verbreitung. Das Mantra vom „alles wird gut“ ist ein Trostspruch für die, die Schmerzen haben und wirklich in der Katastrophe sind. Die sind angewiesen darauf, dass wenigstens die Laune gut ist.

Uns geht es so gut, dass wir uns schlechte Laune leisten können. Aber, was heißt schlechte Laune? Vor fünfzig Jahren platzten die Studenten ins blühende deutsche Wirtschaftswunder und machten den Eltern ein schlechtes Gewissen, drohten mit dem baldigen Zusammenbruch des Systems. „Kritik“ war das Zauberwort. Die Stirn in Falten werfen, bedenklich mit dem Kopf wackeln – das war der neue Trend. Der schadete dem Land nicht. 

Die Damen und Herren von damals sind jetzt siebzig und sehen immer noch oder wieder oder immer mal wieder schwarz. Sie haben inzwischen – „geh’n wir mit der Konjunktur“ – schöne Wohnungen, Häuser, eine Rente von der sie und der eine oder andere Enkel oder die eine oder andere Thailänderin oder Kenianerin leben können.

Die Wirtschaft brummt

Sie wissen natürlich, dass es ihnen gut geht. Sie kommen viel zu viel in der Welt herum, um das nicht zu sehen. Also fürchten sie, dass es ihren Kindern oder Enkeln schlechter gehen wird. Sie haben wahrscheinlich recht. So schöne Arbeitsbiografien wie die meisten heutigen Rentner sie hatten, bietet die Zukunft, die wir noch nicht kennen, wohl nicht.

Wie gut es den Deutschen geht und wie sicher sie ihre Lager einschätzen, kann man sehr gut daran sehen, dass viele von ihnen die AfD wählen. 1957, vor sechzig Jahren gewann die CDU in der Bundesrepublik die absolute Mehrheit. Die Wahlparole war: „Keine Experimente! “ Von einer solchen Devise sind wir meilenweit entfernt. Das Gefühl, dass uns in Wahrheit nicht viel passieren kann, ist so ausgeprägt, dass viele von uns sogar Figuren wie Alexander Gauland und Alice Weidel ihre Stimmen zu geben bereit sind, Leuten also, die noch an keiner Stelle gezeigt haben, dass sie irgendetwas zustande bekommen könnten. 

Die deutsche Wirtschaft brummt. Sie – das haben wir jetzt schriftlich – betrügt auch und ein im Vergleich zu chinesischen Anlagen kleiner Flughafen stellt sie vor unlösbare Schwierigkeiten, aber das alles vermag sie nicht am Aufschwung zu hindern. Wir wissen natürlich, dass dem auch wieder ein Abschwung folgen wird. Aber wir haben auch erlebt, dass wir zig Milliarden in die Sanierung von Banken stecken können, ohne dabei drauf zu gehen. Natürlich wäre es besser gewesen, man hätte damit etwas für die Bildung getan. Auf allen Ebenen, zum Beispiel auch bei den Facharbeitern. 

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