Lade Inhalte...

9. November Schwieriges Gedenken am 9. November

Novemberrevolution, Pogromnacht, Mauerfall: Der 9. November ist ein wichtiger Tag - nicht nur für Deutsche. Es ist also nicht verwunderlich, dass darüber diskutiert wird. Der Leitartikel.

Gedenken
Eine weiße Rose liegt am 80. Jahrestag der Novemberpogrome auf dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Foto: afp

Nun wird also wieder mit Worten die Deutungshoheit ausgefochten. Der 9. November ist dafür hervorragend geeignet. Denn die damit verbundenen symbolischen Zahlen 1918, 1938 und 1989 verlangen nach großen Worten und Gefühlen. Nicht jeder wählt dabei die richtigen Worte oder trifft den richtigen Ton. 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat mit seiner Rede nur in Ansätzen sein selbstgestecktes und erstrebenswertes Ziel erreicht. Schließlich möchte er den Nationalisten nicht die Farben der deutschen Flagge überlassen. Dafür warb er für die Vorzüge der Demokratie und grenzte sich wortreich gegen deren Feinde ab. Schwierig ist es, wenn er sagt, man könne die Scham über die deutschen Verbrechen durch den Stolz über demokratische Errungenschaften ergänzen. Es entsteht der Eindruck, als ob er den Rechtspopulisten damit einen Schritt entgegengekommen wäre. Das ist bestimmt nicht, was er wollte. 

Die Schwäche seiner Rede liegt eher in dem, was er nicht gesagt hat. Er rief dazu auf, die Demokratie immer wieder neu zu beleben, ohne zu sagen, wie dies geschehen soll. Außerdem forderte er, man möge sich nicht von der Demokratie abwenden, ohne zu erklären, warum eigentlich nicht. Steinmeier hat es schlicht versäumt, diese seine Parolen mit Leben zu füllen. 
Steinmeier hat aber im Bundestag nicht nur viel Applaus erhalten. Er löst mit seiner Rede sicher eine kontroverse Debatte aus. Damit hat er mehr erreicht, als der französische Präsident Emmanuel Macron. 

Dessen knapp einwöchige Gedenkreise aus Anlass des Endes des Ersten Weltkriegs ist ein Kreuzweg geworden. Auf fast jeder Etappe holte ihn der Alltag ein. Es gelang ihm also nicht durchgehend, die französische Identität heraufzubeschwören und damit seine Landsleute auf Wichtigeres einzustimmen als - sagen wir - den Benzinpreis. Auf nationaler Bühne hat er seine Rolle nicht vollständig ausfüllen können. Mal sehen, ob ihm das auf internationaler Bühne am Wochenende gelingt, wenn Staats- und Regierungschefs aus 84 Ländern zu der Gedenkfeier nach Paris kommen. 

Das Ziel, Vergangenes mit einer aktuellen Debatte zu verknüpfen, ist wohl am ehesten dem kanadischen Premier Justin Trudeau gelungen. Er entschuldigte sich dafür, dass sein Land 1939 die 907 jüdischen Flüchtlinge auf dem Überseedampfer „MS St. Louis“ abwies. Sie mussten zurück nach Europa, wo nur wenige von ihnen den Holocaust überlebten. Mit dieser Geste hat Trudeau nicht nur das „Nie wieder“ als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg neu belebt. Er hat sich auch indirekt in der aktuellen Migrationsdebatte gegen US-Präsident Donald Trump positioniert, ohne zu wirken, als ob er den Gedenktag instrumentalisieren wollte. 

Andere gehen weniger klug vor. Nach der Drohung des US-Präsidenten Trump, den INF-Vertrag zu kündigen, haben einige an den Kalten Krieg erinnert. Sie wollen das Richtige und gegen ein mögliches neues Aufrüsten warnen. Schließlich schränkt der INF-Vertrag die Zahl der russischen und US-amerikanischen Mittelstreckenraketen ein. 

Doch um dagegen vorzugehen, wecken sie Bedrohungsängste und Denkmuster, die nicht helfen. Denn mindestens Russland hat mit der Sowjetunion fast nichts mehr gemein. Weder die Ideologie noch die Blockbildung. Von ökonomischen Daten ganz zu schweigen. Sinnvoller wäre es, die tatsächlichen Wirkkräfte des neuen Ost-West-Konflikts herauszuarbeiten und ihnen politische Konzepte entgegenzusetzen. Sie sollten die Binse nicht ignorieren, wonach jedes historische Ereignis letztlich singulär ist. Oder trivial formuliert: Geschichte wiederholt sich nicht. 

Das führt zu jenem Punkt, der womöglich alle eint. Sie alle wollen Geschichte für ihre Ideen nutzen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Individuen und Gesellschaften können und sollten Gedenktage immer wieder nutzen, um sich im Lichte aktueller Ereignisse ihres Werdegangs zu vergewissern. Beim Blick zurück geht es aber eher darum, Fortschritte und Erreichtes zu bewerten und zu schauen, was noch fehlt. Beim Blick nach vorn ist es aber wichtig, das Erreichte weiter zu entwickeln, aktuelle Problemen zu lösen und sich dabei an künftigen Zielen zu orientieren. Dabei verschieben sich nicht nur die Perspektiven.                           

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen