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1968er-Bewegung Radikaler denken

Wir sollten die Erinnerung an die aufrührerischen Tage vor 50 Jahren dazu nutzen, wieder nach Alternativen zu suchen. Der Leitartikel.

Rudi Dutschke
Studentenführer Rudi Dutschke bei einer Protestversammlung vor dem US-Konsulat in Frankfurt. Foto: epd

Es herrschen aufgewühlte Zeiten in Deutschland und Europa. Aber es ist doch kein Vergleich mit der Lage vor 50 Jahren, als die Bundesrepublik in Aufruhr war wie nie zuvor. Mit dem Anschlag auf den radikalen Studentenführer Rudi Dutschke und den folgenden Osterunruhen in Universitätsstädten erreichte im Frühjahr 1968 die Auseinandersetzung um den Weg Westdeutschlands aus der Nachkriegszeit einen Höhepunkt. Sie fügte sich ein in die Straßenkämpfe der revolutionären französischen Studenten und den Widerstand gegen den Vietnamkrieg in den USA. Nicht nur die Republik, die westliche Welt war in Aufruhr.

Dieser Kampf um die kulturell-politische Hegemonie wurde auf den Straßen ausgefochten, wie man es zuvor hierzulande noch nicht erlebt hatte. Viel mehr aber noch in den Hörsälen, in den Medien und überall, wo Menschen sich Gedanken machten über die Zukunft des Landes – in den Parteien, Gewerkschaften und Kirchen, an Arbeitsplätzen und in den Kneipen. Westdeutschland war in jenen Jahren eine politisierte Republik, wie auch der breite Protest gegen die Notstandsgesetze zeigte, die die Große Koalition im Mai 1968 durch den Bundestag brachte.

Zwei Dinge fallen auf, wenn man auf diese Zeit zurückschaut: Die Radikalität mancher Debatten und der hohe Grad an Intellektualität, mit der sie geführt wurden. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Jürgen Habermas lieferten mit ihrer Kritischen Theorie das geistige Rüstzeug, aus der Dutschke und andere die Legitimation für den revolutionären Kampf gegen das System ableiteten, oft auch entgegen der Intention ihrer Lehrer.

Dutschke warb für eine revolutionäre Doppelstrategie nach dem Vorbild lateinamerikanischer Stadtguerilleros. Während eine kämpfende Avantgarde offen die Revolution organisierte, sollte eine verdeckt arbeitende Abteilung in die herrschenden Institutionen eindringen, um sie von innen her zu destabilisieren.

Dieser später viel apostrophierte lange Marsch durch die Institutionen war nicht als Karrierepfad für geläuterte Radikale wie Joschka Fischer an die Hebel des bürgerlichen Staates gedacht, sondern als Taktik im „permanenten Kampf für eine antiautoritäre sozialistische Weltgesellschaft“. Doch diese Radikalität mündete nicht in Sprachlosigkeit mit der herrschenden Politik. Unter anderem der Sozialdemokrat Johannes Rau und der Liberale Ralf Dahrendorf stellten sich Debatten mit den Studentenführern.

So abstrus – und zum Teil mit verbrecherischen Irrwegen, wie der Terror der RAF – manche dieser Positionen auch waren, sie forderten die Mehrheitsgesellschaft zu einer geistigen Auseinandersetzung heraus, die dem demokratischen Klima im Lande gutgetan hat. Die heutige Klage, so vieles erscheine alternativlos, die meisten Politiker und Medien seien einer Meinung, der Mainstream ersticke jeden abweichenden Gedanken, wäre damals nicht verstanden worden.

Bis zum Beginn der 90er Jahre gehörten zum öffentlichen Meinungsspektrum ganz selbstverständlich auch widerständige Positionen, wie sie etwa die einstigen Grünen „Fundis“ Jutta Ditfurth oder Thomas Ebermann vertreten. Solche Haltungen sind inzwischen in eine so außenseiterische Position geraten, dass sie im politischen Diskurs nicht mehr auftauchen. Das hängt auch mit dem Ende der Systemkonkurrenz durch den Untergang der Sowjetunion zusammen, das Norbert Blüm einst so famos auf die Formel gebracht hat: „Marx ist tot, Jesus lebt.“ So ist auch die Linke eine staatstragende Regierungspartei geworden.

Das hat zu einer geistigen Verödung geführt und der Sehnsucht nach Widerworten. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet eine neue Rechte beansprucht, diese Leerstelle zu füllen, manchmal gar mit kopierten Formen der einstigen linken APO (Außerparlamentarische Opposition). Doch bewegen sie sich auf einem intellektuell so unterbelichteten Niveau, dass sich nicht einmal aus dem Widerspruch zu ihren oft gar frei erfundenen Thesen irgendein geistig erhellender Funke schlagen ließe.

Das ist auch deshalb kein Wunder, weil ihre einzige Vision rückwärts gerichtet ist, auf historisch längst überwundene völkische und undemokratische Verhältnisse. Dass sich dafür kein intellektuell anspruchsvolles Umfeld findet, ist nicht überraschend.

Sie ist freilich auf der Linken nicht so viel besser, wo vor allem Schweigen und Ratlosigkeit herrschen. „Ich kann das nicht verstehen, ich kann diese Lethargie bei den Intellektuellen, Künstlern, Schriftstellern überhaupt nicht nachvollziehen“, klagte gerade Bahman Nirumand, einer der klügeren Köpfe der 68er Bewegung. Was bleibt zu tun?

Wir sollten die Erinnerung an die aufrührerischen Tage vor 50 Jahren dazu nutzen, die Suche auch nach radikalen Alternativen wieder ernster zu nehmen. Die Herausforderungen unserer Zeit sind wahrlich nicht geringer, sondern komplexer geworden. Dass es damit auch nicht mehr so einfach ist, eindeutige Feindbilder zu bestimmen wie einst, macht die Sache nur umso spannender.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier 1968er-Bewegung

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