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1618 bis heute 2018 wird ein Jahr der Erinnerungen

1618, 1918, 1968: Das Jahr 2018 bietet einige Gelegenheiten, an historische Ereignisse zu erinnern - wir können aus ihnen lernen, um künftig friedfertigere Wege einzuschlagen. Der Leitartikel.

Paris 1968
In Frankreich fanden 1968 Studentenproteste statt. Foto: imago

Zwischen Weihnachten und Neujahr war die Zeit der Rückblicke. Bilanzen wurden gezogen, öffentliche und private. Da konnte man Zahlen nennen. Jetzt blicken wir ins neue Jahr. Wie wir auf das blicken, ist mehr Temperamentssache.

Der eine betrachtet die guten Wirtschaftsdaten des vergangenen Jahres als gute Voraussetzung für eine positive Entwicklung auch in diesem Jahr. Der andere fragt sich: Wie lange wird das noch so weitergehen? Andere weisen darauf hin, dass zur guten Wirtschaftslage immer mehr gehört, dass immer weniger etwas von ihr haben, die dafür immer mehr. Das kann nicht gutgehen, sagen sie. Außerdem: Die Wirtschaft ist nicht alles.

Deutschland hat jetzt so lange keine Regierung wie seit fast einhundert Jahren nicht. Verblüfft stellen wir fest, dass das kaum etwas ausmacht. In den Leitartikeln wird freilich gerne daran erinnert, was eine Regierung alles zu tun hätte. Der Leser aber erinnert sich, dass es auch Zeiten gab, in denen die Regierung genau das nicht tat, was die Nicht-Regierung nicht tut. Der Leser kann sich aussuchen, worüber er sich empört. Auch das macht die Zukunft so unsicher.

Der Beginn des „Prager Frühlings“

Im Jahr 2012 erschien ein ausgezeichnetes Buch „Elf drohende Kriege – Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung“. Alle diese Konflikte gab es, und die meisten gibt es noch. Aber sie sind „drohende Kriege“ geblieben. Die Kriege, die wir heute erleben, die Kriege mit zerstörten Städten und Tausenden Toten sind andere Kriege. Der „Islamische Staat“ kommt nicht vor. Korea wird zwei Mal erwähnt, als eines der Länder, das die Erforschung des Meeresbodens zur Hebung von Rohstoffen betreibt. Kein Wort über die Möglichkeit einer Atommacht Nordkorea.

Ich sage das nicht, um ein immer noch sehr, sehr lesenswertes Buch schlechtzumachen, sondern um daran zu erinnern, dass, so gut wir auch unsere Lage analysieren, wir keine Ahnung haben, was die Zukunft bringen wird. Ein wenig vielleicht doch: 2018 werden wir – so Gott will und wir alle noch leben – wieder eine Regierung haben. Wenn die Parteien dazu so lange brauchen werden wie der Parlamentarische Rat für das Grundgesetz – 265 Tage – dann können wir im Juni damit rechnen, wieder „ordentlich“ regiert zu werden.

2018 wird ein Jahr der Erinnerungen. Am 4. Januar werden wir an Alexander Dubcek denken, der am 4. Januar 1968 der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei wurde und mit seinen Reformen den „Prager Frühling“ begann, dem dann in der Nacht zum 21. August des Jahres von etwa einer halben Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens der Garaus gemacht wurde.

Wir werden an den Mai 1968 erinnern, als für ein paar Tage die Vorstellung, dass es zu einem Sturz der Regierung de Gaulle kommen könnte, um sich griff. Noch am 15. März des Jahres – so viel zum Thema Zukunft – war in der Zeitung „Le Monde“ ein Artikel erschienen, der sich darüber lustig machte, dass während in Deutschland, in Spanien, in Japan oder im kommunistischen Polen die Studenten demonstrierten, die französischen Studenten sich mit der Frage beschäftigten, ob die Mädchen die Schlafräume der Jungen betreten dürften. Überschrieben war der Artikel mit „Wenn Frankreich sich langweilt“.

Am 30. Mai gab es eine Gegendemonstration, organisiert von der Regierung. Die Gefahr eines Bürgerkrieges schien zu drohen. Die traditionelle Linke und deren Gewerkschaften zogen sich zurück. Aus vorgezogenen Neuwahlen gingen die Gaullisten als Sieger hervor: 358 von 487 Sitzen.

An den Beginn des Dreißigjährigen Krieges am 23. Mai 1618 werden wir erinnern. Die einst blühenden, vielbewunderten deutschen Städte wurden in den Jahren bis 1648 immer wieder zerstört, ganze Landschaften wurden verheert. Das Reich verlor an Bedeutung. Europa wurde zu einer Gruppe kriegführender Nationalstaaten. Der Niederländer Hugo Grotius veröffentlichte 1625, mitten im Dreißigjährigen Krieg „Vom Kriegs- und Friedens-Recht“. Zunächst war das Buch nicht sehr erfolgreich, aber heute gilt es als die Geburtsurkunde des modernen Völkerrechts. „Wo Gefahr ist wächst das Rettende auch.“ Wohl eher der Traum davon.

Am 9. November werden wir erinnern an die doppelte Ausrufung der deutschen Republik vor hundert Jahren in Berlin: Um 14 Uhr durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann, der erklärte: „Es lebe die deutsche Republik.“ Und gegen 16 Uhr durch das Mitglied der Spartakusgruppe Karl Liebknecht, der die „freie sozialistische Republik“ ausrief. Dieser Konflikt prägte über Jahre die erste deutsche Republik. An deren Ende stand der Sieg der Nationalsozialisten und die völlige Zerstörung Deutschlands sowie großer Teile Europas.

Auch zu dieser Zukunft hatte es Alternativen gegeben, die aber nicht gegangen wurden. Wir sollten in die Vergangenheit schauen, um ihrer Wiederholung zu entgehen.

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