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Leitartikel zur Zeitarbeit Kein faires Geschäft

Leiharbeiter und Festangestellte müssen gleich entlohnt werden. Und zwar vom ersten Tag der Beschäftigung an. Jede andere Regelung als Equal Pay ist ungerecht.

Eva Roth

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt wird nicht müde, die Vorzüge der Zeitarbeit zu preisen: Sie biete Arbeitslosen neue Job-Chancen und Unternehmen die nötige Flexibilität. Beide Aufgaben kann die Zeitarbeit erfüllen. Und sie tut es auch hie und da. Zu oft aber ist Leiharbeit in Deutschland schlicht ein Mittel, um Löhne zu senken. Das mittlere Monatseinkommen von Leiharbeitern mit Vollzeitjob beträgt in Westdeutschland gerade einmal 1456 Euro – brutto und inklusive Sonderzahlungen. Das ist nur halb so viel, wie Festangestellte nach Hause bringen. Das belegen Daten der Bundesagentur für Arbeit. Bundesweit erhält ein Drittel der Beschäftigten sogar weniger als 1200 Euro. Das sind extrem niedrige Gehälter.

Systematische Benachteiligung

Schon wahr: Viele Leihkräfte übernehmen einfache Tätigkeiten. Studien zeigen jedoch, dass diese Leute systematisch benachteiligt werden und mindestens 15 Prozent weniger Geld erhalten als Stammkräfte mit vergleichbaren Aufgaben. Eine Untersuchung für das Arbeitsministerium in Nordrhein-Westfalen kommt bei Helfern sogar auf eine Lohnkluft von 45 Prozent.

Für Unternehmen ist es deswegen rational, wenn sie versuchen, teures Stammpersonal durch billige Zeitarbeiter zu ersetzen. Das aber ist nicht Sinn und Zweck dieses Instruments. Das Mittel gegen diesen Missbrauch lautet: Equal Pay. Bei gleicher Arbeit müssen Leiharbeiter wie Festangestellte entlohnt werden. Damit wäre der finanzielle Anreiz weg, möglichst viele Jobs in die Zeitarbeit auszulagern. Die Flexibilität bliebe den Betrieben dagegen erhalten. Sie könnten weiterhin je nach Geschäftslage Zusatz-Beschäftigte schnell und kostengünstig anheuern und wieder loswerden – ohne komplizierte betriebsbedingte Kündigungen und teure Sozialpläne.

Die Arbeitgeberverbände warnen eindringlich vor einer Equal-Pay-Regelung. Dadurch würden Leiharbeiter teurer als Festangestellte, weil die Zeitarbeitsfirma ja auch was verdienen will, lautet ein Argument. Das stimmt. Doch zurzeit liegt die doppelte Last bei den Beschäftigten: Sie erhalten weniger Geld und haben einen unsicheren Job. Die Unternehmen haben dagegen den doppelten Vorteil: billige Arbeitskräfte und Flexibilität. Das ist kein faires Geschäft.

Equal Pay ist möglich. Das zeigen einzelne Firmen in Deutschland, bei denen das Prinzip bereits gilt. Das zeigt auch das Beispiel Frankreich, wo die gleiche Bezahlung gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Leiharbeiter erhalten dort in der Regel den im Betrieb geltenden Einstiegslohn und zusätzlich die sogenannte Prekaritätsprämie. Das hat die Branche nicht ruiniert, im Gegenteil: In den vergangenen Jahren war der Anteil der Leihkräfte in Frankreich sogar höher als in Deutschland.

Seltene Wechsel in die Festanstellung

International tätige Zeitarbeitsfirmen wie Manpower sagen denn auch: Wenn die Politik eine solche Vorschrift erlässt, würden sich die Unternehmen eben darauf einstellen. Warum die Firmen darüber nicht glücklich wären, ist klar: Ihre Gewinnspanne würde sinken.

Und wie steht es um die Jobsuchenden, denen mit Equal Pay angeblich der Weg in eine reguläre Beschäftigung verbaut wird? Nun ja. Zurzeit schaffen gerade mal sieben Prozent der Leihkräfte, die zuvor arbeitslos waren, den Wechsel auf eine reguläre Stelle. Das ist eine miserable Bilanz, die die hiesigen Niedriglöhne nicht rechtfertigen kann. Und dass vor allem Arbeitslose bei Zeitarbeitsfirmen wie Manpower, Randstad und Co. anheuern, ist nicht weiter verwunderlich. Wer wechselt schon freiwillig von einer festen Stelle auf einen Zeitarbeits-Job?

Für die zeitweilig Beschäftigten könnte die gleiche Bezahlung einen Nachteil haben: Ihre Jobs würden womöglich noch kürzer, das lassen jedenfalls die Erfahrungen aus Frankreich vermuten. Dort werden die Leute in der Regel nur für einen Einsatz beschäftigt. Doch auch in Deutschland bietet die Zeitarbeit keineswegs eine sichere Berufsperspektive: Mehr als die Hälfte der Jobs währt kürzer als drei Monate.

Deshalb ist die Idee aus der schwarz-gelben Koalition, erst nach neun Monaten eine gleiche Bezahlung vorzuschreiben, keine Lösung. Erstens würden derzeit längst nicht alle Leihkräfte davon profitieren. Zweitens wäre dies für Unternehmen ein starker Anreiz, die Beschäftigten spätestens nach neun Monaten loszuwerden. Dann würden sie ja deutlich teurer. Die Löhne der Leiharbeiter müssen nicht irgendwann, sondern vom ersten Tag an höher sein als bisher.

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