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Leitartikel zur Währungskrise Prinzipienreiter zerstören den Euro

Wir brauchen ein klares Bekenntnis zu unserer Währung. Eine gemeinsame Geldpolitik, eine Staatsanleihe in Euro, eine politische Union – damit sichern wir den Wohlstand des Kontinents.

Hält der Euro das aus? Die EU-Länder streiten um die Reform des Stabilitätspaktes. Foto: dpa

Die Euro-Krise tobt. Das Auseinanderbrechen der Währungsunion ist keine Fiktion mehr. Es ist zum Top-Thema, zur Hauptgefahr an den internationalen Finanzmärkten avanciert. Der Fall des Euro wird verheerend sein, das sollte allen klar sein. Während man bei den Verantwortlichen in Europa, vor allem den Deutschen, an dieser Einsicht zweifeln kann, ist Washington zu Recht höchst besorgt. Die Amerikaner ahnen, welches Beben das Auseinanderfallen für die Banken weltweit bedeuten würde. Und die Amerikaner wissen, wie gefährlich dieses Ereignis für die politische Stabilität auf dem Alten Kontinent sein dürfte, schlicht für den Frieden.

Was in- und ausländischen Beobachtern des Trauerspiels „Wie ruiniere ich den Euro?“ aufstößt, ist die Prinzipienreiterei der Deutschen. Statt pragmatisch die Krise einzudämmen, geht es in der Debatte um hehre Prinzipien, so etwa um die Frage, ob die Europäische Zentralbank Staatsanleihen kaufen darf oder ob private Gläubiger sich an den Rettungskosten beteiligen sollen. Alles ehrenwerte Diskussionen. Angesichts der brenzligen Situation wirken sie indes deplatziert. Denn bei einem nüchternen Blick auf die Eurozone kommt man schnell zum Schluss, dass es gar keine Krise geben müsste. In der Summe steht Euroland besser da als die Volkswirtschaft der Weltwährung Nummer eins, des Dollar, und deutlich besser als die Volkswirtschaft der Weltwährung Nummer drei, des japanischen Yen. Zahlen gefällig?

Nehmen wir die Staatsverschuldung per Ende 2009, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, dem Maß für die Wirtschaftskraft eines Landes schlechthin. Hier steht es 80 Prozent zu 84 Prozent; also Vorteil Euroland. Nehmen wir das laufende Haushaltsdefizit. Auch hier hat Euroland mit gut sechs Prozent gegenüber zehn Prozent (!) in den USA sowohl im vergangenen als auch in diesem Jahr die Nase vorn. Und blicken wir rasch noch auf die Wettbewerbsfähigkeit, den Saldo in der Leistungsbilanz: Während Euroland ein Defizit von unter einem Prozent ausweist, kommen die USA fast auf drei Prozent – gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Eigentlich müsste es für jeden global agierenden Investor attraktiver, weil sicherer sein, das Geld in Euro-Anleihen anzulegen als in Dollar-Anleihen.

Warum ist es das nicht? Weil der Euro nicht unsere Währung ist, weil es Euroland eigentlich nicht gibt. Der Euro ist für die 16 Mitgliedstaaten eine Fremdwährung, in der sie sich mit ihrer eigenen Bonität verschuldet haben. Der große Unterschied zum Dollar: Die Mitgliedstaaten können in der Krise keine Euro drucken, um ihre Schulden zu bedienen. Damit ähneln sie Entwicklungsländern, die sich in Dollar verschulden müssen, weil ihnen niemand in heimischer Währung Kredit gewährt. Die Währungskrisen der Entwicklungs- und Schwellenländer sind das Los des größten Wirtschaftsraums der Welt! Der Alte Kontinent ist der Irrationalität des heißen Geldes ausgeliefert. Das ist die Krux an der Konstruktion des Euro, das ist die Ursache der gegenwärtigen Krise.

Wie kann man sie kurzfristig eindämmen? Natürlich indem die Europäische Zentralbank im großen Stil Staatsanleihen kauft und so die Flucht der verunsicherten Anleger stoppt. Mit jedem Tag tatenlosen Zuschauens und höherer Verluste auf die Staatstitel Portugals, Spaniens und sogar Italiens werden die Geldverwalter nervöser und hektischer. Aber die EZB kann nur Feuerwehr spielen. Mittelfristig braucht Euroland die Euro-Anleihe. Erst dann wird der Währungsraum dem Dollar oder Yen ebenbürtig, erst dann enden die Spekulationen um das Auseinanderbrechen. Eine Währung, eine gemeinsame Geldpolitik, eine gemeinsame Staatsanleihe, zumindest für die ersten 60 Prozent der jeweiligen nationalen Staatsverschuldung.

Klar hieße das, dass die Transferunion festgeschrieben würde, dass die politische Union durch die Hintertür geschaffen würde. Es hieße, dass Deutsche für Italiener, Franzosen für Deutsche haften würden. Das Lieblingsargument der Zauderer gegen die Anleihe, die Deutschen müssten höhere Zinsen zahlen als derzeit, zieht dagegen nicht. Zum einen führt die höhere Liquidität der gemeinsamen Anleihen zu niedrigeren Zinsen. Zum anderen belegen die Mini-Zinsen in Japan trotz einer Staatsverschuldung von rund 200 Prozent und einem Rating unter dem deutschen AAA, dass bei großen Währungsräumen die Bonität eine viel geringere Rolle spielt als bei kleinen.

Höchste Zeit also, den Euro zu unserer Währung zu machen! Höchste Zeit, den Finanzmärkten das Heft aus der Hand zu schlagen und mit der politischen Union den Wohlstand des Kontinents zu sichern.

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