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Leitartikel zur Prostitution Prohibition macht keinen Sinn

Prostitution ist eine Realität, die jeder tolerieren sollte, der in einer freiheitlichen Gesellschaft leben will. Sexuelle Ausbeutung nicht - deshalb muss das Gewerbe besser kontrolliert werden.

Prostitution = Menschenhandel? Ganz so einfach ist es doch nicht. Foto: imago stock&people

Prostitution ist eine Realität, die jeder tolerieren sollte, der in einer freiheitlichen Gesellschaft leben will. Sexuelle Ausbeutung nicht - deshalb muss das Gewerbe besser kontrolliert werden.

Ist Prostitution eine Form von Sklaverei, die Frauen auf besonders verabscheuungswürdige Weise zur Ware degradiert? Oder ist Prostitution ein Beruf, Sex-Arbeit eben, und also ein Ausdruck von Gewerbe- und Vertragsfreiheit? Diese Alternative steht im Zentrum der Kontroverse über ein Verbot von Prostitution. In Deutschland hat Alice Schwarzer dafür eine Kampagne angezettelt, die die Beratungen der künftigen Koalition über ein schärferes Gesetz begleiten wird. In Frankreich ist die Kriminalisierung der Freier schon beschlossen. Manche Redeschlacht erfüllt dabei das klassische Schwarz-Weiß-Schema. Moralisches Pathos trifft auf Schönfärberei.

Wer die Grautöne sucht, muss sich Fragen nach dem Selbst- und Menschenbild, unseren Vorstellungen von Intimität und Selbstachtung und dem Spannungsverhältnis von Normen und Eigenverantwortung stellen. Ist Sex gegen Geld immer verwerflich? Auch wenn er freiwillig ist? Verwerflicher etwa als Sex aus Kalkül, für die Karriere oder aus purer Lust? Immer Ausbeutung, brutale Ausprägung der Geschlechterungleichheit, eklig und demütigend? Für wen eigentlich? Oder ist Sex gegen Geld nichts weiter als „eine berufliche Tätigkeit, bei der körperliche Dienstleistungen gegen Entgelt angeboten werden“, wie es der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ formuliert? Eine freiwillige Wahl zumindest eines Teils der Frauen, eine selbstbewusste Entscheidung gegen eine bürgerliche Existenz?

Gegen die maternalistische Attitüde

Wer Letzteres anerkennt, kann sich nicht hinter die Forderung nach Abschaffung der Prostitution stellen. Denn sie setzt Prostitution mit Menschenhandel gleich, eine falsche Gleichung. Und so wehrt sich der genannte Verband zu Recht gegen die maternalistische Attitüde, die alle Sexarbeiterinnen zu Opfern erklärt. Diese Frauen wollen nicht bevormundet oder gerettet werden, sie pochen auf Respekt. Man kann ihre Berufswahl ablehnen, man darf auch unterstellen, dass sich manche ihr Leben schönreden. Aber man sollte ihre Wahl tolerieren, wenn man in einer freiheitlichen Gesellschaft leben will. Zumal Prohibition noch nie funktioniert hat.

Dass aber viele Frauen gegen ihren Willen im ältesten Gewerbe der Welt arbeiten, darf eine Gesellschaft nicht hinnehmen. Vor allem seit der Osterweiterung der EU stehen in Deutschland viele sehr junge Frauen vom Balkan auf dem Straßenstrich, die der Armut in ihren Herkunftsländern entkommen wollten. Nun zwingen sie Zuhälter mit Gewalt in ein Leben, das sie mitnichten frei und selbstbestimmt gewählt haben. Und viele schweigen aus Angst vor einer Abschiebung. Andere schicken sich in ihr Elend, weil sie keine Alternative sehen. Diese Realität wird von den organisierten Sexarbeiterinnen verdrängt, die Zwangsprostitution zur Randerscheinung erklären und so die Notlage vieler Kolleginnen verharmlosen.

Niemand bestreitet: Sexuelle Ausbeutung und Vergewaltigung sind Verbrechen, die zu selten geahndet werden. Den Opfern muss dringend besser geholfen werden. Längst liegen Vorschläge wie etwa ein Bleiberecht für illegal eingereiste Frauen oder bessere Ausstiegshilfen auf dem Tisch – bislang unangetastet von der Politik.

Kriminalisierung wirkt kontraproduktiv

Von einer Kriminalisierung der Sexkunden sollte die Politik aber die Finger lassen. Sie bringt wenig und wirkt am Ende kontraproduktiv. Das zeigt das Beispiel der skandinavischen Länder, die den Kauf von sexuellen Dienstleistungen unter Strafe gestellt haben. Offiziell wird das als Erfolg gefeiert, doch Wissenschaftler, Sozialarbeiter und die Frauen selbst widersprechen. So ging der Straßenstrich zwar zurück, wuchs aber wieder, als der Polizeidruck nachließ. Die Kontakte zu den gejagten Freiern wurden heimlicher und damit gefährlicher für die Frauen. Ein Teil der Kundschaft wich ins Ausland aus.

Deutschland ist vor elf Jahren den umgekehrten Weg gegangen: Rot-Grün hat 2002 die Prostitution entkriminalisiert. Seither können sich die Frauen sozialversichern oder ihren Lohn einklagen, tun es aber nicht. Auch von dem Ziel, die Prostitution aus ihrem kriminellen Umfeld herauszulösen, ist das Land weiter entfernt denn je. Das führt Alice Schwarzer auf das liberale Prostitutionsgesetz zurück, bleibt aber den Beleg dafür schuldig. Tatsächlich ist die Datenlage dürftig. Es ist noch nicht einmal klar, ob es 80 000 oder gar 400 000 Prostituierte in Deutschland gibt und wie viele zum Anschaffen gezwungen werden.

Wer die ideologische Luft aus der Debatte nehmen und das Ziel im Auge behalten will, dem Recht auf Selbstbestimmung Geltung zu verschaffen, der darf die Entkriminalisierung nicht zurückdrehen. Er muss das Gewerbe in legalen Räumen so reglementieren und kontrollieren, dass sexuelle Ausbeutung zumindest eingedämmt wird; Flatrate-Bordelle und Gangbang-Partys darf es nicht geben. Das alles bleibt aber Stückwerk, solange wir den Fokus nicht auf die Ursachen von Armutsprostitution richten: auf das Wohlstandsgefälle in Europa und das völlige Fehlen von Lebenschancen vieler Frauen. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn wir nicht nur über sie, sondern mit ihnen reden würden.

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