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Leitartikel zur Homosexualität Die Grenzen der Toleranz für Homosexuelle

Die Debatte zur Homosexualität verrät, wie dünn der Firnis der sich liberal wähnenden Gesellschaft ist. Es geht um die Deutungshoheit über die gesellschaftliche Normalität. Ein Kommentar.

Hat eine Debatte angestoßen: Thomas Hitzlsperger. Foto: dpa

Ohne das Outing des Ex-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger wäre der Bildungsplanung des baden-württembergischen Kultusministeriums vermutlich nur geringe Aufmerksamkeit zuteil geworden. Das Wissen über „sexuelle Vielfalt“ soll dort im Schulunterricht verankert werden. Nicht als eigenes Fach, sondern als fächerübergreifend zu vermittelnder Aspekt. Es droht also keine sexuelle Revolution aus dem Schwäbischen, eher wurde hier der Versuch auf den Weg gebracht, den Schulunterricht an den Fortgang der sexualwissenschaftlichen Entwicklung anzupassen. Die Proteste gegen die pädagogische Aktualisierung fanden zunächst kaum größere Beachtung. Die Online-Petition eines Lehrers aus dem Schwarzwald gegen die „Ideologie des Regenbogens“ wurde vielmehr als Randnotiz einer reaktionären Aufmüpfigkeit gegen eine weithin durchgesetzte aufklärerische Vernunft wahrgenommen.

Fast zwei Wochen nach dem viel beachteten Hitzlsperger-Interview zeichnet sich jedoch immer deutlicher ab, dass es damit nicht ganz so weit her sein kann. Die Online-Petition hat inzwischen mehr als 140.000 Unterschriften eingesammelt, und in den einschlägigen Internetforen sind Schwulen und Lesben ungezügelten Pöbeleien ausgesetzt. Die Ausläufer der Debatte haben zuletzt auch den politischen Raum erreicht. In ungewohnt scharfem Ton rechnete Ex-Außenminister und -Vizekanzler Guido Westerwelle nachträglich mit seiner früheren Chefin ab und wirft Kanzlerin Merkel vor, die Gleichstellung in Deutschland behindert zu haben.

Wer geglaubt hatte, auf dem Weg zu einer liberalen Gesellschaft schon ein gutes Stück vorangekommen zu sein, fühlt sich plötzlich in einen mit vielen Ressentiments aufgeladenen Kulturkampf zurückversetzt, in dem sich allenfalls die Verlaufs- und Ausdrucksformen verfeinert haben. Während offen homophobe oder rassistische Ausdrucksweisen weitgehend aus der veröffentlichten Meinung verbannt sind, gehört Schwulenfeindlichkeit als gezielte Tabuverletzung wie selbstverständlich zu den Sprachspielen subkultureller Milieus und wird, wie im Fall des Berliner Rappers Bushido, sogar publikumswirksam mit Preisen dekoriert. Die Grenzen zwischen Mainstream und Gosse sind fließend, und es ist nicht immer genau vorherzusehen, wann gesellschaftliche Ächtung oder kulturelle Nobilitierung an der Reihe ist.

Eine Zumutung

Aber selbst die demonstrative Unterstützung, die Thomas Hitzlsperger von vielen Seiten angeboten und umgehend als Indiz für eine solidarisch-mitfühlende Gesellschaft gewertet wurde, vermochte ihre paternalistischen Züge kaum zu verbergen. Als gelte es, jemand beizuspringen, der gerade einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat, wurde letztlich auch die politisch intendierte Botschaft Hitzlspergers konterkariert. Und wo sie, zum Beispiel an prominenter Stelle in der FAZ, verstanden wurde, nahm man sie ausdrücklich als Zumutung wahr. Gegen die drohende Dominanz homosexueller Ausdrucksformen glaubte man dort wehrhaft ausrufen zu müssen: „Ich bin hetero, und das ist auch gut so.“

Was locker und gewitzt klingen soll, offenbart nur mehr die Existenz unterschwelliger Ängste. In vielen Äußerungen zum baden-württembergischen Bildungsstreit wird Homosexualität erhöhte Ansteckungsgefahr attestiert oder – noch schlimmer – als Lebensweise betrachtet, zu der sich junge Menschen leichtfertig verführen lassen. Die Kiste mit Klischees ist gut gefüllt.

Es gibt gewiss gute Gründe, einige bereits begrifflich anklingende Überspanntheiten zu kritisieren, die mit Überlegungen zur Gender-Theorie einhergehen – also der Idee einer sozialen Konstruktion von Geschlecht und wie man ihr begegnet. Die aktuelle Debatte verrät aber einmal mehr, wie dünn der Firnis der sich liberal wähnenden Gesellschaft ist. Es geht nicht um die Normalisierung der sexuellen Differenz, sondern um die Deutungshoheit über die gesellschaftliche Normalität.

Ein markantes Missverständnis betrifft dabei die Voraussetzungen für Toleranz selbst. Noch immer wird es gern als Liberalisierungsfortschritt betrachtet, wenn man Minderheiten tolerante Einstellungen als eine Art freiwilliger Leistung entgegenbringt. Das enthält unausgesprochen aber auch die Konsequenz, dass diese rasch wieder entzogen werden kann. Auf drastische Weise passiert das in autoritär regierten Ländern wie Russland und anderswo, wo Homosexualität von der Gesellschaft immer weniger geduldet und vom Staat mit juristischen Mitteln traktiert wird.

Tatsächlich aber ist Toleranz eine Haltung, die eine offene Gesellschaft sich selbst schuldet. Und: Deren Bürger erkennen ihre Attraktivität für das Wohl des Ganzen. Wer die Ideologie des Regenbogens fürchtet, sollte sich zu allererst daran erinnern, dass die Durchsetzung von Gleichheit kein schmückender Selbstzweck ist. Es werden auch gesellschaftliche Chancen vernichtet, wenn das Erwachen der sexuellen Identität als Bedrohung wahrgenommen werden muss.

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