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Leitartikel zum Atomunfall Der Schock von Fukushima

Japan erfährt seine schlimmste Krise seit Hiroshima und Nagasaki. Der Rest der Welt kann aus der Havarie im Atommeiler nur eines lernen: Alt-Reaktoren müssen schnell vom Netz.

Techniker versuchten am Montag erneut, den Reaktorblock 2 zu kühlen und leiteten Meerwasser ein. Die Brennstäbe lagen zuvor offenbar komplett trocken. Foto: Reuters

Es ist die Katastrophe aus dem Lehrbuch der Atomtechnik. Stufe um Stufe eskalierte der Störfall im japanischen Atomkraftwerk Fukushima seit Freitag – zumindest bis an den Rand des Super-GAU. Japan und die Welt erleben ein Trauma, das den Horror des Erdbebens noch potenziert. Die schlimmste Krise im Land seit 1945, so räumte Premier Naoto Kan ein, dem Jahr von Hiroshima und Nagasaki.

Evakuierung von Hunderttausenden, Ausgabe von Jod-Tabletten, verzweifelte Versuche, die Kühlung der havarierten Reaktoren wieder herzustellen – das atomare Horror-Szenario, das seit ihrer Einführung zur Hochrisiko-Technologie Atomkraft gehört. Noch gab es am Sonntag die Hoffnung, dass in Japan die ganz große Katastrophe wie in Tschernobyl vermieden werden kann. Aber bereits die Vorstufe dazu, die in Fukushima mindestens erreicht wurde, macht klar: Die Nukleartechnik ist unverantwortbar. Nicht deren vielbeschworene „Renaissance“ ist die Lösung der Energieprobleme, sondern ein beschleunigter Ausstieg und die forcierte Entwicklung eines solaren, effizienten und vor allem fehlerfreundlichen Energiesystems.

Diesmal hat es nicht einen maroden Sowjetreaktor erwischt, keine fehlkonstruierte russische Plutonium-Maschine, an der sich die Militärs für ihre Atombomben bedienten, wie das 1986 in Tschernobyl der Fall war. Damals und seither brüsteten sich die AKW-Bauer in Europa, Nordamerika und Japan: Dank der überlegenen westlichen Nukleartechnik sei ein schwerer Unfall praktisch ausgeschlossen. Jedes der Länder, ob Deutschland, die USA oder eben Japan, rühmte sich, die weltbesten Reaktoren zu haben. Alles mehrfach abgesichert, alle denkbaren Probleme im Griff, für alle Eventualitäten vorbereitet.

Die Fukushima-Havarie zeigt: Es stimmt einfach nicht. Unglaublich, sogar in einem Land, in dem das Bewusstsein für die Gefahr von Erdbeben groß ist wie in keinem anderen, bauten die AKW-Betreiber zu schwach ausgelegte Anlagen. Für ein Beben der Stärke 8,9 wie am Freitag und eine entsprechend verheerende Tsunami-Welle war kein einziger der 55 japanischen Reaktoren eingerichtet. Auch die nach dem Erdbeben von Kobe 1995 angeordneten Nachrüstungen reichten nicht aus, um in Fukushima eine sichere Not-Abschaltung zu garantieren. Ohnehin ist es praktisch unmöglich, alte – das heißt veraltet konzipierte – Meiler auf den nötigen Standard zu bringen. Das weiß jeder Reaktorexperte. Der Öffentlichkeit erzählen AKW-Betreiber und Pro-Atompolitiker das lieber nicht.

Es ist wohl kaum Zufall, dass in Japan gerade einer der Alt-Meiler mit einem Reaktordesign aus den 1960er Jahren havarierte. Die Technik dieser Art Anlagen, wie sie ähnlich auch in Deutschland laufen, ist veraltet. Ihr Sicherheitsniveau liegt deutlich unter dem moderner AKW, sie bekämen heute keine Genehmigung mehr. Die Lehre daraus, unterstrichen durch die Havarie: Die ursprünglich auf einen Betrieb von 40 Jahren ausgelegten Meiler dürfen keine Laufzeitverlängerung bekommen, wie das nun überall in West und Ost Mode ist – da es den Betreibern hohe Profite bringt. Im Gegenteil: Gerade die Alt-Reaktoren müssen beschleunigt vom Netz.

In Deutschland hatte man das vor gut einem Jahrzehnt schon einmal begriffen; als Rot-Grün mit den Stromkonzernen den Atomausstieg aushandelte. Für die schwarz-gelben Risiko-Verlängerer in Berlin ist Fukushima das Zeichen an der Wand, ob sie es sehen wollen oder nicht. Grund genug, den rot-grünen Konsens wieder in Kraft zu setzen. Zwar versuchten Kanzlerin Merkel und ihre Minister Westerwelle und Röttgen reflexartig, die Debatte abzuwehren, die Schwarz-Gelb vor wichtigen Landtagswahlen äußerst ungelegen kommt. Motto: Hilfe für Japan müsse Vorrang haben vor „parteipolitischem Atomstreit“. Röttgen zumindest erkannte dann, dass eine „neue Grundsatzdebatte“ über die Kernkraft und damit über die Laufzeitverlängerung unausweichlich ist.

Der radioaktive Fallout von Fukushima wird Deutschland verschonen, der politische ist längst da. Die Bürger sind aufgeschreckt, die Verunsicherung über die „friedliche“ Atomkraft ist groß. Und zwar nicht nur bei den eingefleischten Atomkraftgegnern, die am Samstag zahlreich in der Menschenkette protestierten. Die Parteien müssen die AKW-Zukunft zum Wahlkampfthema machen, zumal in Baden-Württemberg, wo Neckarwestheim 1 steht, einer der ältesten deutschen Atommeiler. Alles andere wäre ja auch grotesk.

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