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Leitartikel zum 9/11-Jahrestag Das Erbe des 11. September

Der Einsturz der Zwillingstürme in New York ermöglichte es der US-Regierung, Kriege zu führen, die sie schon lange hatte führen wollen.

10.09.2011 17:42
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Arno Widmann

Tony Blair hat noch nicht genug. Jetzt setzt er den Regimewechsel in Iran auf die Tagesordnung. Als wären die anderen von ihm im Rahmen der Krieg-gegen-den-Terror-Strategie mit angezettelten Manöver in Irak und Afghanistan erfolgreich beendet. Als hätte der Einsatz der Truppen dort Wellen des Einsatzes für Demokratie und Menschenrechte bewirkt.

Der bald nach den Angriffen vom 11. September ausgeweitete Krieg gegen Terror hatte sich längst in einen Krieg gegen Staaten verwandelt, die gegen die USA Stellung bezogen. Tony Blairs jüngste Erklärung knüpft da nahtlos an. Es handele sich um eine Schlacht zwischen denen, die eine offene Welt wollten, und denen, die sie – wie Iran – geschlossen hielten. Das hat mit Terrorismus nichts mehr zu tun. Da geht es ganz offen um ganz andere Dinge. Wenn Tony Blair erklärt, man müsse neben der militärischen Aktion auch Herzen und Köpfe gewinnen, so zeigt das nur, wie katastrophal falsch die Gewichte verteilt sind.

Das ist nicht das Erbe des 11. September 2001. Das ist, was aus dem 11. September gemacht wurde: ein Krieg zwischen West und Ost, ein bewaffneter Kampf der Kulturen.

Am elften September 2001 standen wir vor den Fernsehern – was wir sahen, hatte uns von den Stühlen und aus den Sesseln gerissen – und starrten auf Körper, die aus Wolkenkratzern fielen. Es waren Menschen, die sich lieber umbrachten, als langsam im Rauch zu ersticken. Sie hatten keinen anderen Ausweg mehr. Sie waren hilflos. Wir waren hilflos. An diesem Tag erlebten auch die kräftigsten Optimisten unter uns die Zerbrechlichkeit unserer Existenz. Der elfte September 2001 war ein Tag der Ohnmacht. Ein paar zu allem entschlossener Verrückte genügten, um New York, um die Hauptstadt des zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Takt zu bringen.

Als die Zwillingstürme einstürzten, wuchs mit der Ohnmacht die Wut. Die Wut auf die noch unbekannten Täter und die unbekannten Hintermänner. Ohnmacht und Wut gingen eine gefährliche Verbindung ein. Von ihr und ihrer machiavellistischen Ausbeutung lebte die amerikanische Politik der nächsten Jahre. Kein Verfassungsbruch in den USA oder in anderen Ländern der westlichen Hemisphäre, der jetzt nicht mit dem „Krieg gegen den Terror“ hätte begründet und verteidigt werden können.

Kriege, die man schon lange hatte führen wollen, wurden geführt. Kriegsgründe wurden fabriziert. Das Ergebnis: die Vereinigten Staaten gespalten, der Westen ebenso. Unsinnig die Vorstellung, vor dem elften September hätte es das alles nicht gegeben. Der elfte September hat die Geschichte nicht geändert. Er hat lediglich eine neue Begründung für alte Verhaltensmuster geliefert. Terrorismus hatte es immer gegeben. Auch religiös motivierter Terrorismus war nichts Neues. Nach dem elften September aber wurde ein neuer Roman erfunden.

Geschichte vom Krieg der Kulturen

Es war die Geschichte vom Krieg der Kulturen. So wurden die Guten und die Bösen neu sortiert. Wer ein Land in einem Kreuzzug für den Westen überfiel, tat das als einer der Guten, wer ein Haus im Namen des Islam in die Luft sprengte, gehörte zu den Bösen. Dieser Roman, der die Menschheit nicht nach ihren Taten, sondern nach ihren Begründungen für die Taten unterscheidet, ist das verheerendste Erbe vom elften September.

Vor zehn Jahren sprangen Menschen aller Nationen und Religionen aus den von Hitzewellen aufgesprengten Fenstern des World Trade Centers. Unter den fast 2?800 Frauen und Männern, die die Türme unter sich begruben. waren Christen, Juden, Muslime und Buddhisten, Sikhs und... und... Alle waren sie ohnmächtig. Wir alle waren es. Und wir alle sind es. Das ist die Lektion des elften September. Es gibt keine absolute Sicherheit. Ein paar Verrückte ohne Staat können Tausende umbringen. Ein paar Verrückte mit Staat können Hunderttausende, Millionen umbringen.

Dieses Gefühl erzeugt Wut. Die Verbindung von beiden hat nach dem elften September ihre zerstörerische Kraft auf beiden Seiten entfaltet. Im Kopf Tony Blairs wirkt sie weiter. Hoffentlich nur dort. Seit ein paar Monaten gibt es eine ganz neue Lektion. Ohnmacht und Wut können sich auch mit Klugheit und Geschick verbinden. Die Protestbewegungen in Nordafrika und Kleinasien helfen heraus aus dem Erbe des elften September 2001. Die Frage von Demokratie und Menschenrechten ist keine mehr von einem Krieg des Westens gegen unterdrückerische Regime. Sie wird im Osten gestellt, und sie muss auch im Westen gestellt werden. Zu leicht sind wir bereit, unsere Freiheiten aufzugeben unter dem Vorwand, sie zu verteidigen. Der wirkliche Krieg der Kulturen – der Kampf um Demokratie und Menschenrechte – findet in jeder Kultur jeden Tag statt.

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