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Leitartikel zu London Gier frisst Werte auf

Die jugendlichen Randalierer treiben die britische Besitz-Obsession ins Extrem. Sie sind Produkte einer Gesellschaft, die ihre Orientierung längst verloren hat.

Dem Besucher fällt auf der Insel immer wieder auf, wie besessen die Engländer vom Geld sind. Auf Partys unterhält man sich quer durch die Gesellschaftsschichten am liebsten über Immobilienkäufe, die nächste große Investition und das Ende des Euros. Im Fernsehen gibt es Sendereihen, die sich nur der Frage widmen, wie man Haus, Auto oder Erbstück gewinnbringend verkauft. Schlipsträgern gilt die gelebte Gier als Tugend; Kapuzenpulliträgern setzten die Gier in Randale um.

Die Bilder, die man aus London sieht, wirken wie eine außer Kontrolle geratene Shopping-Tour: Jugendliche mit Kapuzen tief im Gesicht rennen in die Läden und schleppen Waren heraus. In Clapham, einem Stadtteil im Süden, haben sie gezielt die Einkaufsstraße angesteuert. Man könnte sagen, die Plünderer und Randalierer haben die britische Besitz-Obsession ins Extrem getrieben. Und es trifft nicht nur London, sondern auch andere Großstädte, Birmingham, Bristol.

Auslöser war der Tod eines jungen Mannes, erschossen von der Polizei. Er war Schwarzer. Doch anders als bei früheren Straßenunruhen, die ja in London und anderen englischen Großstädten alle zehn Jahre wieder aufbrechen, geht es diesmal nicht um einzelne soziale Probleme, Rassismus, ungerechte Steuerpolitik oder die Schließung von Jugendhäusern. Es geht um Markenturnschuhe, Flachbildschirme und Mobiltelefone.

Die Kinder, und es sind ja oft Kinder unter den Kapuzen, nehmen sich von den Gütern, von denen sie glauben, dass sie ihnen zustehen. Und sie wollen, dass jeder sie bemerkt. Sie zünden Mülleimer an, Busse, Häuser. Sie haben keine Angst, keinen Respekt. Soll man wütend auf diese Jugendlichen sein, diese wild gewordenen Kapuzen, diese andere Art von homegrown Terrorist? Nein, das wäre zu einfach. Das Land haben schon ganz andere ruiniert. Die Jugendlichen sind ja nur das Produkt einer Gesellschaft, die die Orientierung schon lange verloren hat.

Es gärte lange unter der Oberfläche der Gesellschaft, aber außer ein paar Popstars traute sich niemand, das anzusprechen. „I predict a riot“, sangen die Kaiser Chiefs aus Leeds, wo es letzte Nacht auch brannte.

Der frühere Labour-Premierminister Gordon Brown verkaufte sich gerne als Politiker mit „moralischem Kompass“, aber das war schon 2007 ein Witz. Die Labour-Regierung hat die neoliberale Ideologie des „me, me, me“ („ich, ich, ich“) von Maggie Thatcher weitergeführt. In diesem Denken kämpft jeder nur für sich. Labour finanzierte einen Boom auf Pump, holte die Superreichen ins Land, Jugendliche bewaffneten sich, bildeten Gangs und begannen einander umzubringen. Die Gesellschaft driftete auseinander.

Seit der Finanzkrise werden die Risse in der Gesellschaft unübersehbar. Ein Skandal jagt den nächsten. Das Land hat das Vertrauen in sämtliche Autoritäten verloren: die Banken, die Politik, die Medien, die Polizei. Die Zersetzung reicht bis in die kleinste Einheit, in die Familien. Es wächst eine Generation heran, der jegliche Werte fehlen. Wem sollen die Briten noch glauben, an wem sich orientieren, nach all den Skandalen? Es scheint doch, als habe die Elite, das Establishment, alle Regeln von Anstand, Pflichtbewusstsein und Ehrlichkeit außer Kraft gesetzt.

Politiker nehmen Steuergelder, um sich privat Ententeich-Häuschen zu bauen, Journalisten hören Telefone von Verbrechensopfern ab, der Lieblingssohn der Queen, Prinz Andrew, vergnügt sich mit minderjährigen Prostituierten. Und die Polizisten, deren Chefs es ja auch wichtiger fanden mit dem Medienzar Murdoch zu speisen als sich um Jugendgangs zu kümmern?

Man bekommt fast Mitleid, wie die Polizisten vor den Jugendlichen zurückschrecken, als wären es Monster, Außerirdische. Die Polizisten haben Angst, wieder einen Fehler zu machen. Sie sind führungslos, seit die beiden Chefs von Scotland Yard zurücktreten mussten. Auch die Regierung war drei Tage lang untätig, jetzt wollen sie die Armee auf die Straßen schicken.

Auch wenn die Brände gelöscht sind, die Straßen aufgeräumt, werden die tieferen Probleme nicht verschwinden. Großbritannien müsste sich einer Debatte über seine Werte stellen. Sie bräuchten eigentlich einen Thilo Sarrazin, der unangenehme Wahrheiten ausspricht. Es würde sich dafür vielleicht David Cameron selbst eignen, der superreiche Premierminister mit seiner Baroness-Frau, der ausgerechnet jetzt die Briten durch schwerste Zeiten führen muss.

Aber wahrscheinlich wird es so sein wie immer. Die Briten werden wieder in ihre übliche stoische Mentalität verfallen. „Carry on and Keep calm“. Bis zur nächsten Randale.

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