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Leitartikel Wir, das Volk

1989 lehrt uns Mut und taugt als Vorbild auch für das Leben in der Demokratie. Wir verschleudern das Erbe der friedlichen Umwälzung Osteuropas, wenn wir es heute nicht annehmen. Von Stephan Hebel

Im noch frisch vereinten Deutschland war es der große Ost-Diagnostiker Joachim Gauck, der der Geschichte einen Begriff entriss: "Ermächtigen". Ein gefährliches Wort; denn im politischen Zusammenhang schien es ein für alle Mal reserviert für das "Ermächtigungsgesetz" von 1933, mit dem der Reichstag sich entmachtete und die Diktatur der Nationalsozialisten besiegelte.

Gaucks mutiger Versuch, diesen Begriff für Demokraten zurückzugewinnen, zielte ziemlich genau auf das Gegenteil dessen, was 1933 geschah. Ermächtigt werden - nein, vor allem sich selbst ermächtigen - sollten die Bürger in West und Ost. Besonders in den neuen Ländern, aber keineswegs nur dort sollten sie die ermutigendste Erfahrung des Jahres 1989 nicht vergessen: die Erfahrung, dass Tausende und Abertausende sich als "das Volk" zum Handeln "ermächtigten", selbst einer Diktatur zum Trotz.

Sie erstritten sich, unterstützt von manch einem Glücksfall der Geschichte, ein Leben in Freiheit und Demokratie. Das feiern wir heute zu Recht. Aber Gaucks Appell zur Selbst-Ermächtigung, zum Engagement für ein gutes und besseres Leben, ist nicht überholt. All die Feiern wären leerer Pomp, wenn der 20. Jahrestag des Mauerfalls nicht auch genutzt würde, um zu fragen: Wie können wir, "das Volk", die beglückende Erfahrung der Selbst-Ermächtigung und des Eingreifens in die eigenen Lebensverhältnisse auf die Gegenwart anwenden?

Klar, es liegen Welten zwischen unseren freiheitlichen Verhältnissen und dem Eingesperrtsein im Spitzelstaat DDR. Welchen Mut es dort erforderte, aktiv zu werden, sollte nicht einzuschätzen wagen, wer es nicht erfahren musste. Mut nicht nur bei denjenigen, die sich politisch organisierten, Manifeste an die West-Presse schmuggelten, Flüchtlingen halfen. Mut auch bei denen, die sich im 89er Herbst den Demonstrationen anschlossen, ohne zu wissen, ob sie in einem Blutbad enden würden. Mut bei denen, die ihre Kinder zu freiheitlichem Denken erzogen, obwohl sie fürchten mussten, ein Verplappern in der Schule könnte schlimmste Folgen haben.

Mut bei allen, denen die Lebensgefahr eines Fluchtversuchs weniger furchtbar erschien als ein ganzes Leben ohne Gedanken- und Bewegungsfreiheit. Mut auch bei jenen, die die legale Ausreise beantragten, obwohl sie die Schikanen kannten, die darauf folgen konnten.

Wer das mutige Verhalten all dieser Menschen zum Vorbild auch für das Leben in der Demokratie erklärt, verwischt keineswegs die Unterschiede. Seine eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen - am Arbeitsplatz, im privaten Lebensumfeld, in Gewerkschaft, Bürgerinitiative, Kirche oder einer Partei -, das ist heute unendlich viel einfacher als damals in der Diktatur. Aber der Demokratie, die die Mutigen von damals mit erkämpften, und ihnen selbst wird nicht gerecht, wer den Anspruch der Selbst-Ermächtigung damit für erledigt hält. Die schlechteste Lehre aus 1989 wäre das Verfallen (oder Verharren?) in Passivität angesichts der sozialen und ökonomischen Realitäten von heute.

Hier haben die Nachwende-Gesellschaften, nicht nur unsere, einigen Nachholbedarf. Die Unübersichtlichkeit der globalisierten Politik und Ökonomie lässt es auch Gutwilligen oft am wichtigsten erscheinen, zuerst die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Schnell als Ideologe, ja als Freund des Staatssozialismus diskreditiert sieht sich, wer unter diesen Bedingungen den Kampf gegen zunehmende soziale Ungleichheit nicht als Gegensatz zur Freiheit begreift, sondern als deren Bedingung.

Die Mittelschichten, immer ein Kern bürgerlichen Engagements, sind durch internationale Niedriglohn-Konkurrenz sowie eine verfehlte Wirtschafts- und Sozialpolitik ins Bröckeln geraten. Das klassische Proletariat mit seiner kämpferischen Tradition zerfällt in aufstiegsorientierte Profis der postindustriellen Gesellschaft einerseits und eine unorganisierte, marginalisierte, politisch passive Unterschicht andererseits.

Das letzte Wort sollte all das nicht sein. Auch die Menschen in der DDR, die aufstanden, um sich zum Handeln zu ermächtigen, konnten nicht ahnen, dass sie eine Erfolgschance hatten. Sie hätten mehr Anlass zur Resignation gehabt als jeder Einzelne, der sich heute zurücklehnt, "weil man sowieso nichts ändern kann". Wir verschleudern das Erbe der friedlichen Umwälzung Osteuropas, wenn wir es nicht übertragen auf die Erfordernisse der Gegenwart.

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