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Leitartikel Sarrazin, der Brandstifter

Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin beschimpft in seinen Tiraden Ausländer. Er reagiert nur hysterisch auf die Veränderung bundesrepublikanischer Verhältnisse. Er ist verrückt. Von Arno Widmann

Arno Widmann leitet die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Thilo Sarrazin hat Wahrheiten ausgesprochen, die man hierzulande nicht hören möchte. Das sagt der ehemalige BDI-Vorsitzende Hans-Olaf Henkel. Schön wäre, er würde dazu sagen, welche Wahrheiten er meint. In dem sehr ausführlichen, hochinteressanten Interview mit Lettre International spricht der ehemalige Finanzsenator der Stadt Berlin Thilo Sarrazin (SPD), der seit Mai 2009 Mitglied des Vorstand der Bundesbank ist, über die Probleme der Stadt Berlin. Er spricht dort viele Wahrheiten an. Solche, die man nicht hören möchte, sind mir entgangen.

Die derzeitige Aufregung konzentriert sich auf einige wenige Sätze. Zum Beispiel diesen: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung." Was ist wahr an diesen Sätzen? Es ist der pure Rassismus. Dazu noch nassforsch vorgetragen. Von einem, der glaubt davon ausgehen zu können, mit jedem Blödsinn durchzukommen.

Der Präzision der Sarrazinschen Analyse entsprechen seine Vorstellungen von den zu ergreifenden Maßnahmen. Er sagt "auswachsen" müsse sich der von ihm als unproduktiv disqualifizierte Teil der Berliner Bevölkerung. Auf die Nachfrage, ob er damit meine, dass diese Schicht keine Kinder mehr bekommen solle, antwortet der wohl noch in der Probezeit befindliche Bankvorstand wie ein Politiker, nämlich gar nicht.

Die von Sarrazin angeführten Missstände - türkische Schüler, die sich von einer Lehrerin nichts sagen lassen wollen, weil ihre Kultur ihnen das nicht erlaube, eine Mutter, die ein sechstes Kind bekommt, um eine größere Wohnung zu erhalten, Immigranten, die in der dritten Generation hier, deren Deutschkenntnisse aber lächerlich gering sind - sind keine von Sarrazin neu zutage geförderten Entdeckungen. Sie gehören zum Standardrepertoire bundesrepublikanischer Ausländerschelte. Die Probleme sind seit langem bekannt.

Wir scheinen nur unfähig, sie zu lösen. Sarrazins Interview ist da keine Hilfe. Die beleidigend-überhebliche Tonart, dieses selbstgefällige Draufhauen auf die, die eh schon unten sind, ist widerlich. Wenn wir zusammen in einem Aquarienverein wären, würde ich gehen oder versuchen ihn rauszuschmeißen. Sarrazin steht nicht in einer rechtsradikalen Ecke. Da wäre ihm viel zu viel Unterschicht.

Er reagiert hysterisch auf die Veränderung der Bundesrepublik Deutschland. Er wurde 1945 geboren. Er ist aufgewachsen in einer Republik, in der Städtebauplaner aus der ganzen Welt in den achtziger Jahren vergeblich nach Slums suchten. Inzwischen gibt es sie. Sarrazin schreit: Weg damit. Er begreift nicht, dass man das Problem so nur verschärft. Scharfes Vorgehen mag in Einzelfällen helfen. Der Grundfrage, wie diese Gesellschaft mit dem Wachsen sozialer Gegensätze fertig wird, wird damit nur aus dem Wege gegangen.

Sarrazin zeigt keine Wahrheiten. Er hält sich entsetzt die Hände vor Augen und Ohren. Besser wäre, er hielte sich stattdessen erst einmal den Mund zu und analysierte die Lage. Er sagt: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin." Ist das wahr? Hören Sie, wie er sich in diesem Satzgefüge aufplustert, wie er wächst und wächst und dann bei neunzig Prozent landet. Der Mann ist verrückt. Und sonst gar nichts. Er ist übrigens im Vorstand der Bundesbank zuständig für Risikocontrolling.

Wir verdanken Sarrazin einen Einblick in die Gedankenwelt unserer Elite. Beruhigend, dass das einigen durchaus peinlich ist. Sarrazin sollte möglichst bald aus den Panzerschränken der Bundesbank befreit werden und wieder durch die bundesrepublikanischen Talkshows rollen. Im nächsten Dschungelcamp könnte er dann eine hübsche Bleibe finden.

"Aber rühmen wir nicht nur den Weisen

Dessen Name auf dem Buche prangt!

Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.

Darum sei der Zöllner auch bedankt:

Er hat sie ihm abverlangt."

Der heißt Frank Berberich und hat Thilo Sarrazin in Lettre International befragt.

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