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Leitartikel Rechtsschutz für die Beschneidung

Nie wieder sollen Juden vor Deutschen die Hosen runterlassen müssen. Selbst dann nicht, wenn die Deutschen mit dem Grundgesetz unter dem Arm beteuern, Juden vor Juden schützen zu müssen.

Freie Religionsausübung - auch mit der Beschneidung, fordern Teilnehmer einer Demo in Berlin Anfang September. Foto: imago

Am 22. Juni 1941 entdeckte Sally Perel den Nachteil, beschnitten zu sein. Der 16 Jahre alte Sally, ein auf der Flucht vor den Deutschen zwei Jahre zuvor in einem sowjetischen Waisenhaus gelandeter deutscher Jude, stand in einer Reihe mit russischen Offizieren, Soldaten und Zivilisten, stand mit erhobenen Händen und starrte in die Gewehrläufe der deutschen Wehrmacht. Wenige Minuten zuvor waren sie beim Vormarsch der Deutschen gefangen genommen worden, jetzt wurde selektiert: Juden und Volksdeutsche.

Da die meisten Juden des Deutschen nicht mächtig waren, konnten sie nicht behaupten, „Volksdeutsche“ zu sein, also gaben sie sich als Polen, Ukrainer oder Litauer aus: „Sobald jedoch in den Augen der argwöhnischen Soldaten der geringste Zweifel bestand, befahl man ihnen, die Hosen herunterzulassen. Entdeckte man, dass sie beschnitten waren, trieb man sie fluchend zusammen und jagte sie zur nächsten Gruppe, die in den Wald fuhr. Dort wurden sie erschossen. Aber mir, mir hatten sie geglaubt.“

Der Jude Sally Perel hat nie erfahren, warum er den Deutschen nicht sein beschnittenes Glied zeigen musste und überleben durfte. Aber Jahrzehnte später hat er ihnen erzählt, was sie ihm damals angetan haben: Sally Perel war der „Hitlerjunge Salomon“. Sein Schicksal wurde verfilmt, seine Autobiografie hat inzwischen die 23. Auflage erreicht.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, seit der Zerschlagung der Nazi-Diktatur haben die Deutschen keine erbärmlichere, zynischere und verrücktere Debatte geführt als in diesem Sommer über die Kriminalisierung der Beschneidung. Als hätte es den Holocaust, als hätte es den zwölfjährigen Hass- und Blutrausch der Nazis gegen die „Beschnittenen“, gegen das „Weltjudentum“ nie gegeben, forderte die Mehrheit der plötzlich vom Mitleid mit männlichen jüdischen Säuglingen erfassten Nation im Namen des Schutzes der körperlichen Unversehrtheit und der religiösen Selbstbestimmung die Bestrafung des „blutigen archaischen Rituals“.

Der Hinweis der jüdischen Gemeinde, die „Brit Mila“ sei nicht nur eine jahrtausendealte Tradition, sondern konstitutiv für die religiöse Identität, ein Verbot würde diesmal zwar nicht die Juden, aber das Judentum in Deutschland auslöschen, wurde als Ausdruck religiös verblendeter Sonderlinge abgetan, die unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit dem Regime des Grundgesetzes entkommen wollten.

Antisemitische Züge dominieren die Debatte

Es genügt ein Blick in die Foren des Internets, um die antisemitischen Züge zu erkennen, die die Debatte unverhohlen bestimmen. Das ist auch Beobachtern im Ausland nicht entgangen, beispielsweise dem berühmten US-amerikanischen Anwalt Alan Dershowitz: „Niemand sollte eine Nation, die Millionen jüdische Babys und Kinder ermordet hat, dafür loben, dass sie Krokodilstränen über das Schicksal eines armen kleinen Buben vergießt, der in der Ausübung einer jahrtausendealten Tradition eine Woche nach der Geburt beschnitten wird. Jeder gute Mensch muss Deutschland dafür verdammen, denn das, was den tatsächlichen Kern der Bemühungen, die Beschneidung zu verbieten, ausmacht, ist nichts anderes als der gute alte Antisemitismus.“

Die Deutschen dürfen und müssen sich bei den Abgeordneten des Deutschen Bundestags bedanken, wenn die Debatte jetzt doch noch zu einem erträglichen Ende finden sollte. Auf deren Entschließung hat jetzt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) ein Eckpunktepapier vorgelegt, das alle Zweifel an der Rechtmäßigkeit einer kunstgerecht ausgeführten Beschneidung beseitigt.

An diesem Entwurf ist alles richtig: Es ist richtig, dass die Beschneidungsregeln nicht im Strafgesetzbuch stehen sollen, sondern im Bürgerlichen Gesetzbuch an die Paragrafen 1631 bis 1631c über den „Inhalt und die Grenzen der Personensorge“ angehängt werden. Es ist richtig, dass die Beschneidung nicht als rechtswidrige, aber straflose, sondern als rechtmäßige Körperverletzung angesehen wird, sofern sie mit Einwilligung der Eltern und nach den Regeln der ärztlichen Kunst vorgenommen wird. Es ist richtig, dass auch Beschneider (Mohel), die keine Ärzte sind, wie seit Jahrtausenden die Beschneidung ausführen dürfen, „wenn sie dafür besonders ausgebildet sind und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind“.

Und dass das Gesetz nicht ausdrücklich auf die religiöse Motivation der Eltern abstellt, ist nicht nur richtig, sondern unvermeidlich, alles andere würde der Bekenntnisfreiheit widersprechen.

Nie wieder sollen Juden vor Deutschen die Hosen runterlassen müssen. Selbst dann nicht, wenn die Deutschen mit dem Grundgesetz unter dem Arm beteuern, Juden vor Juden schützen zu müssen.

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