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Leitartikel Kuscheln oder kuschen

Wie streng sollen Eltern sein, wie viel müssen Kinder bimsen? Die Debatte über den richtigen Kurs in der Pädagogik läuft wieder heiß. Es lohnt dabei, eigenen Ideen zu vertrauen.

26.01.2011 15:53
Katja Irle

Wirft sich Ihr Dreijähriger im Supermarkt auf den Fußboden? Verliert er häufig die Selbstbeherrschung, wenn er seinen Willen nicht bekommt? Ganz schlecht, denn das könnte fatale Folgen für seine Zukunft haben. Forscher haben gerade herausgefunden, dass selbstdisziplinierte Dreijährige als Erwachsene erfolgreicher und sozial kompetenter sind und seltener im Gefängnis landen. Die vermeintlich gute Nachricht für alle betroffenen Eltern: Man kann den verpassten Entwicklungsschritt mit viel Übung nachholen. Welch ein Irrsinn!

Der in einer renommierten Fachzeitschrift publizierte Artikel passt zur teilweise hysterisch geführten Debatte um Erziehungsstil und Bildung, wie sie alle Jahre in Wellen die Hirne von verunsicherten Eltern, Erziehern und Pädagogen beherrscht. Zwang oder Zuwendung? Disziplin oder Laisser-faire? Strenger Unterricht à la Ursula Sarrazin oder Kuschelkurs? Ganz so, als sei eine gute Pädagogik tatsächlich nur schwarz oder nur weiß. Das ist sie gerade nicht.
Ähnliches lässt sich auch beim Drama um die Ausbildung bei der "Gorch Fock" beobachten, wo Druck und Drill zu Recht infrage gestellt werden. Soldaten werden nicht automatisch zu Weicheiern, wenn man ihre Würde als Individuum über den Korpsgeist stellt. Im Gegenteil. Für die Ausbildung bei der Armee muss ganz besonders gelten, was man in den Schulen Erziehung zur Demokratie nennt. Dazu gehört der Mut und die Pflicht zum Widerspruch. Beides scheint in den Reihen der Vorzeige-Soldaten offenbar unterentwickelt zu sein.
Fern der "Gorch Fock" baut sich gerade noch eine weitere Front im Bildungs- und Erziehungsstreit auf. Aus den USA kommt ein Bestseller, der seit dieser Woche auch den deutschen Ratgebermarkt erobert. Die Yale-Juraprofessorin Amy Chua macht uns vor, wie sie ihren Töchtern mit knallharter Disziplin das Siegen beibrachte – etwa durch stundenlanges Musizieren mit Toilettenverbot oder dem "Lernanreiz", das geliebte Kuscheltier zu verbrennen.

Man könnte über die Lektüre, die auch selbstironische Passagen hat, einfach schmunzelnd hinwegsehen, kaum aber über die zum Krieg zwischen westlichen und östlichen Erziehungsmethoden stilisierte Debatte. Erziehung und ihr Erfolg, der vor allem in Noten, Schulabschlüssen und Diplomen an Elite-Unis gemessen wird, ist längst unter die Räder des nationalen und globalen Wettbewerbs geraten – angeheizt durch die Über-Interpretation von internationalen Vergleichsstudien wie Pisa.

Schanghais Schüler sind die besten. Ja und? Es ist die meist unbegründete Angst der bildungsversessenen Mittelschichten vor dem Absturz ihrer Kinder, die einen gelassenen Blick auf die Bildungsdebatte verhindert. Wer jetzt – wie gerade in den USA – lauthals darüber streitet, ob der westliche oder der östliche Erziehungsstil der bessere und erfolgreichere ist, hat den Kern von Pädagogik nicht verstanden – zumal die Zuordnung "laxe Erziehung gleich westlich" und "Pauk-Pädagogik gleich östlich" viel zu pauschal ist. Bildungskonzepte lassen sich nicht als Ganzes übertragen, weil sie eng an die Kultur und Tradition eines Landes gekoppelt sind. Was in chinesischen Schulen funktioniert, muss in deutschen noch lange keinen Erfolg haben. Und auch das gelobte finnische Modell läuft anderswo ins Leere.

Anstatt ständig nach dem Wettbewerbsvorteil der anderen zu schielen und die Bedürfnisse der Kinder dabei völlig aus den Augen zu verlieren, lohnt das Vertrauen in die eigenen Ideen und Modelle. Da wäre in Deutschland zum einen der Wandel von einem weit verbreiteten autoritären Erziehungsstil hin zu einem demokratisch-partnerschaftlichen. Das mögen die Disziplin-Päpste unter den deutschen Pädagogen beklagen. Doch es bleibt eine Errungenschaft, weil Kuschenlernen Mündigkeit verhindert.

Beachtlich ist im internationalen Vergleich auch, dass man sich nicht immer erfolgreich genug, aber dennoch beharrlich um die Förderung der Schwachen kümmert. Während etwa Schanghai oder Südkorea ihren Pisa-Vorsprung fast ausschließlich den Spitzenschülern verdanken, fällt in Deutschland der Leistungszuwachs bei den Problemschülern, darunter vielen Migranten, ins Gewicht. Der Fortschritt steht uns gut zu Gesicht, gerade weil er ohne drakonische Strafen wie Plüschtierverbrennung zustande kam.

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