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Leitartikel Europa braucht eine Agrarwende

Der nachhaltigen Entwicklung der Landwirtschaft steht eine Politik entgegen, die sich angesichts des Preisdrucks einzig und allein auf den Weltmarkt ausrichtet.

EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos hat angesichts der mächtigen Gruppe der Großfarmer nur geringe Chancen, mehr ökologische Prinzipien auf dem Acker zu realisieren. Foto: dpa

Fahren Sie doch mal ins westliche Münsterland. Der Trip wird Sie in eine Landschaft führen, die die Zukunft ländlicher Regionen in Deutschland ein Stück vorweg genommen hat. Nirgendwo sonst in Nordrhein-Westfalen leben mehr Nutztiere auf einem Hektar und stehen mehr Biogasanlagen. Alle randvoll mit Mais angefüllt. Fast jeder zweite Hof, der Mais anbaut, lässt die Energiepflanze auf mehr als der Hälfte seiner Äcker wachsen. Ein Viertel dieser Höfe kommt auf einen Maisanteil von mehr als 70 Prozent. Eine verfehlte Energie- und Agrarpolitik machen es möglich, dass dort wie auch in der Wesermarsch oder im Ammerland im Norden Niedersachsens Maiswüsten das Landschaftsbild prägen. Da blüht nichts, da summt nichts, da singt kein Vogel, denn die Natur bietet den Geschöpfen keine Nahrung. Von ein paar Maiszünslern mal abgesehen.

Blühende Landschaftsstreifen

Der EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos ist angetreten, die gröbsten Auswüchse einer industrialisierten Landwirtschaft und einer zunehmend auf Weltmarkt getrimmten Agroelite zu begrenzen. Als er im Herbst 2011 mit Ideen für eine Agrarreform herauskam und damit das Greening der EU-Landwirtschaftspolitik geboren worden war, atmeten Umwelt-, Tier- und Verbraucherschützer auf. Endlich trat ein Agrarkommissar in Erscheinung, der deutlicher als seine Vorgänger MacSharry und Fischler der Natur eine Chance zu geben beabsichtigte. Er propagierte ökologischen Vorrangflächen, so genannte ecological focus areas, und assoziierte damit blühende Landschaftsstreifen. Sein Ziel ist es, das Umpflügen von Wiesen zu verhindern und die Bauern auf den Pfad der Tugend zurückzubringen. Dazu gehört nach wie vor die Praxis des regelmäßigen Fruchtwechsels. Außerdem schlägt Ciolos vor, das Einhalten ökologischer Standards an die Zahlung von Prämien zu koppeln. Das soll einen ökonomischen Anreiz für die Rückbesinnung auf ein bisschen mehr Natur auf der europäischen Flur schaffen.

Vertagt und ignoriert

Die Ideen des Kommissars sind überfällig in einem Europa, das seine eigenen Ziele mit Füßen tritt. Der Erhalt der Artenvielfalt? Vertagt. Klimaschutz durch Landwirtschaft? Ignoriert, weil er angesichts einer Phalanx von Wachstumsfanatikern kaum durchsetzbar war. Deshalb war schon vor eineinhalb Jahren absehbar, dass Ciolos angesichts der mächtigen Gruppe der Großfarmer nur eine geringe Chance hat, mehr ökologische Prinzipien auf dem Acker zu realisieren.

Dabei sind es gar nicht einmal allein die Erfolgsbauern, die als mosernde Interessengruppe gegen das Greening auftreten. Im Zweifel verzichten durchrationalisierte Getreidebauern lieber auf Zuschüsse aus Brüssel, als dass sie Öko-Auflagen erfüllen, die über den gesetzlichen Rahmen hinausgehen. Während bäuerliche oder ökologisch orientierte Höfe nur mit Geld aus Brüssel über die Runden kommen, sind viele dieser Landwirte zu Zeiten hoher Weizenpreise nicht auf Subventionen aus Brüssel angewiesen. Vielmehr sind es die auf Export getrimmten Lebensmittelkonzerne, Fleisch- und Milchfabriken, die um ihre Weltmarktchancen fürchten. Sie wollen billige Nahrungsmittel nach China oder Burkina Faso liefern. Doch das geht nur, wenn die Rohstoffe billig, also subventioniert sind. Ökozonen stören da nur. Zuviel Tierschutz treibt den Preis. Gewässer- und Klimaschutz, gar eine verbesserte Förderung des ökologischen Landbaus könnte zu Lasten einer Weltmarktorientierung gehen, wenn Länder wie Deutschland Milch oder Schweinefleisch nicht mehr als Massenware global feilbieten kann, weil Öko-Auflagen sie verknappen oder teurer machen.

Klimaschutz ernst nehmen

Das Greening also steht einer Politik entgegen, die angesichts des Preisdrucks einzig und allein auf den Weltmarkt ausgerichtet ist. Genau dieser Weltmarktfähigkeit aber werden Kleinbauern in den Entwicklungsländern geopfert, und auch hiesige Bauern haben daran zu knabbern. Es ist aber nicht der Job der europäischen Landwirte, die Welt zu ernähren. Das wäre schon deshalb absurd, da die Fleisch- und Milcherzeugung hierzulande nur deshalb im Überfluss funktioniert, weil die EU Millionen von Hektar Futterfläche auf die Sojafelder Südamerikas ausgelagert hat.

Warum also sollte die Gesellschaft eine Landwirtschaft aus Steuergeldern finanzieren, die Regenwald und Pampa zerstört? Die hierzulande Flüsse und Grundwasser verschmutzt, Feldlerche und Kiebitz vertreibt, den Ökolandbau verkümmern lässt, statt in ihm die Lösung zu suchen? Ein System, das obendrein massenhaft Arbeitsplätze auf dem Land vernichtet? Europa braucht eine Agrarwende, die unsere Lebensgrundlagen erhält und den Klimaschutz ernst nimmt. Darüber vor allem müsste auf der Grünen Woche in Berlin gesprochen werden.

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