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Leitartikel Ein gutes Land

Wir Deutschen fragen immer, wer wir sind. Dabei tun wir so, als müssten alle gleich sein. Wir sollten darüber reden, was wir erreicht haben, gerade weil wir uns voneinander unterscheiden. Von Mely Kiyak

22.05.2009 00:05
MELY KIYAK

Eines verbindet uns alle im heutigen Deutschland: wir unterscheiden uns. Wir haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, weil wir aus verschiedenen Richtungen kamen. Ich kam 1976 in dieser Bundesrepublik auf die Welt und war bis 1998 ein Beitrittskandidat, ausgestattet mit dem Pass der türkischen Republik. Dann wurde ich Vollmitglied der deutschen Gesellschaft, vollwertige Bürgerin mit Stempel und Urkunde. Mittlerweile war mein Deutschland um fast 20 Millionen Menschen gewachsen. Es waren andere Deutsche dazugekommen, die schneller dazu gehörten als ich, obwohl ich länger hier lebte.

Ein Staat ist im Wesentlichen ein Land, das eine Grenze um sich zieht, sich einen Namen und eine Verfassung gibt. Noch einfacher gesagt: Es ist ein Haus, das saniert und gestrichen wird, während seine Bewohner bleiben. Veränderung findet statt, weil die Türen nicht abgeschlossen sind und neue Menschen einziehen. Entweder sind sie hier geboren, oder aber es sind Neuankömmlinge.

In diesem Haus, dieser Bundesrepublik, habe ich folgende Beobachtung gemacht. Obwohl die Regeln klar sind, obwohl wir ein Grundgesetz, obwohl wir unser Zusammenleben bis in den kleinsten Winkel reguliert haben, bin ich immer mit der Frage konfrontiert worden, wer wir sind. Sie hätte doch aber auch zu allen Zeiten lauten können, was wir schon erreicht haben.

Ich bin die Erste, die Verbesserungsvorschläge macht. Mich hat vieles aufgeregt. Die Identitätsfrage stand dabei immer an erster Stelle. Die Bundesrepublik, in die ich geboren wurde, war schon damals längst kein Staat mehr von Deutschen, die alle in Deutschland zur Welt gekommen waren. Schon als das Grundgesetz verabschiedet, die Republik gegründet wurde, lebten nicht ausschließlich Deutsche in Deutschland. Doch eine der deutschen Macken war und ist der Wunsch nach Gleichheit durch Negierung des anderen, sei es in Fragen der Herkunft, Religion, Weltanschauung. Alle sollen alles abschütteln und gleich sein.

Man kann das dieser Tage wunderbar beobachten. 60 Jahre Bundesrepublik ist ein Thema, das im Wesentlichen von "echten" Westdeutschen abgehandelt wird. Doch, und ich sage es noch mal: Uns verbindet, dass uns wenig verbindet, obwohl im Grundgesetz nachzulesen ist: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich… Jedermann hat das Recht… Männer und Frauen… Die Würde des Menschen… Jeder Deutsche… Alle Deutschen… Das Deutsche Volk…

Wir nehmen das manchmal zu genau mit dem "alle". Ich habe es in vielen Diskussionen beobachtet. Das Berliner Holocaust-Mahnmal musste am Ende für alle Opfer stehen. Das Einheitsdenkmal muss jeden ansprechen. Im Schrebergarten muss jede Hecke auf die gleiche Höhe geschnitten werden. Eltern müssen ihre Kinder alle gleich lieb haben. Jeder, der Deutscher werden will, muss exakt 300 Worte kennen, jeder die gleichen 300 Worte.

Gleichheit und Gleichmacherei sind nicht dasselbe. Ich will keine Bundesrepublik, die sich feiert, weil sie ihre Kanten und Ecken abgeschliffen hat. Ich will keine Menschen, die vor Gericht gehen, weil irgendjemand doch gewagt hat, die Hecke etwas stärker zu stutzen. Ich akzeptiere keinen Politiker, der sich vor mir aufbaut und mir befiehlt, wie ich mich als Beitrittsdeutsche zu verhalten, oder was ich zu lieben und was ich abzulehnen habe.

Die Bürger in den kleinen deutschen Wohnsiedlungen mit ihren Jalousien, die sie abends um die gleiche Zeit runterlassen, haben ihre Einstellung längst gefunden. Wer um die deutsche Identität ringt, beschäftigt sich mit den anderen, mit denen, die neu in die Siedlung ziehen und die verdammten Rollläden verrosten lassen, weil ihnen diese Lebensweise schnuppe ist. Wir dürfen unsere Gesetze nicht dafür missbrauchen, kulturelle Eigenheiten zu beseitigen. Wir haben schon genug damit zu tun, die fatalen Wirkungen sozialer Unterschiede abzumildern.

Ich wünsche mir zum 60. Geburtstag unseres Staates eine Bundesrepublik, die sich ihrer Großzügigkeit rühmt; auch die nämlich ist im Grundgesetz verankert. Das ist für mich im Wesentlichen die Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheit. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern auf dieser Welt, die das nicht als Lippenbekenntnis begreifen. Wir leben das! Niemals könnte ich als Journalistin meinen Beruf so ausüben, hätten meine Eltern sich nicht für die Auswanderung entschieden. Niemals! Ich werde nicht müde, das immer wieder zu betonen. Wir sind wirklich frei. Ich zumindest fühle mich frei. Die Einschränkungen, die es gibt, nerven mich bloß, aber sie zwängen mich nicht ein.

Manchmal erzählen mir meine ostdeutschen Freunde, die im gleichen Alter wie ich sind, dass die BRD ihnen im Wesentlichen bloß Reisefreiheit gegeben hat. Ansonsten aber würde dieser Staat sie klein machen, würden lächerliche Anekdoten erzählt, wie sie sich im Osten gierig auf die Geschenke des Westbesuchs geworfen hätten. Meine Freunde werden dann ungehalten und schimpfen. Ich verstehe die Wut auf die BRD und dass sie abgelehnt wird. Ich kenne das, nur habe ich es auf der anderen Seite erlebt und zu einer anderen Zeit. Ich zweifle deshalb aber niemals am System, denn ich kann mich zur Wehr setzen.

Ich würde nicht woanders leben wollen. Schon gar nicht in meinem Herkunftsland. Man lernt die Verhältnisse hier zu schätzen, wenn man die Alternative stets anschaulich vor Augen hat. Man muss sich aber nicht entscheiden. Man muss nicht für das Eine sein und das Andere verdammen. Manchmal sind mir die Aussagen heutiger Politiker aus dem Osten etwas peinlich, wenn sie ihr altes Land, die DDR, so überdeutlich kritisieren. Das ist für mich öffentliche Erniedrigung von Menschen, die wissen, dass von ihnen Dankbarkeit erwartet wird, dass es der leichtere Weg ist zu sagen, ja, es war alles furchtbar. Man muss auch großzügig reagieren können, wenn ein ehemaliger DDR-Bürger gesteht, dass er einiges vermisse. Man muss auch großzügig reagieren, wenn ein Deutscher, der früher mal ein Iraker oder Türke war, sagt, dass er das andere Land auch noch mag. Da muss man nicht gleich klugscheißern, ja, aber die Menschenrechte, die Gefängnisse, die Gewalt. Und man muss nicht gleich beleidigt sein, weil der andere einem nicht auf Knien entgegenkriecht und ein Veilchen als Zeichen von Bescheidenheit überreicht.

Wenn wir uns darüber einig sind, dass die Bundesrepublik ein gutes Land ist, dann sollten wir mutig sein und uns öfter darüber unterhalten, was genau das Gute ist. Ich kann diese Frage sehr schnell beantworten. Es sind die Meere im Norden und die Berge im Süden. Es sind die verschiedenen Dialekte. Die vielen Museen und Theater. Die Konzertsäle. Die Zeitungen. Die Bibliotheken. Die Parlamente. Die botanischen Gärten. Die putzigen mittelalterlichen Schaudörfer. Die Jahrmärkte. Die Biergärten. Die ordentlich gekachelten Hallenbäder. Die Kultur des Verhandelns.

Man kann über dieses Land lästern. Es ist auch gar nicht schwer, im gleichen Tempo aufzuzählen, was schlecht ist. Doch eines kann man sicher nicht behaupten: Dass dieses Land sich nicht verändert habe. Dafür braucht man nicht mal den Maßstab europäischer Nachbarstaaten. Die Bundesrepublik hat ihr eigenes Tempo, ihr eigenes Fieber, ihre eigene Schrittgeschwindigkeit. Wenn nur jetzt, an diesem Tag, sich heute alle darüber verständigen könnten, dass die Bundesrepublik Deutschland über eine Bevölkerung verfügt, die gemischter und unterschiedlicher nicht sein könnte, dann wäre ich überaus froh. Dass wir multireligiös, multibiografisch, multiweltanschaulich, multiirgendetwas sind, ist keine Ansichtssache. Das ist kein Wunsch oder eine Frage der Interpretation, das ist so. Wenn wir selbstbewusst darauf hinweisen und es als etwas Gutes definieren und die bisherigen Errungenschaften als Summe der Anstrengungen aller dieser Menschen anerkennen, würden viele unserer Diskussionen anders verlaufen.

Wenn wir Deutschen aufhören, Dankbarkeit zu erwarten, und stattdessen Dankbarkeit zeigen für das, was Millionen Menschen aus vielen verschiedenen Ländern bei uns geleistet haben, dann wäre einer der größten Knoten geplatzt. Die Bundesrepublik Deutschland ist deshalb so gut, weil ihre Bewohner nicht homogen sozialisiert sind. Wir sollten uns ganz bald an diesen Gedanken gewöhnen. Denn wenn es stimmt, dass wir schon bald eine neue Identität als Europäer bekommen werden, wird es uns leichter fallen, das Neue anzunehmen, wenn wir das Alte sorgfältig eingeordnet haben. Unsere Wurzeln unter der Oberfläche werden nämlich bleiben, was sie sind, ein kompliziertes, aber schönes Geflecht.

Mely Kiyak ist freie Autorin.

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