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Leitartikel Die Wutbürger von Pankow

Nun ist Occupy auch bei den Rentnern angekommen. Die sind nicht von einer existenziellen Not getrieben, sondern von dem Gefühl, nicht alles mit sich machen lassen zu wollen.

Teilnehmer einer Hausbesetzung posieren in Pankow vor der von Senioren besetzten Villa. Foto: dapd

Nun ist Occupy auch bei den Rentnern angekommen. Die sind nicht von einer existenziellen Not getrieben, sondern von dem Gefühl, nicht alles mit sich machen lassen zu wollen.

Eine Gruppe von Rentnern ist gekommen, um zu bleiben. Seit über einer Woche vollzieht sich im Berliner Bezirk Pankow die Geschichte eines trotzigen Aufbegehrens, aber es könnte auch in Frankfurt-Rödelheim oder Hamburg-Altona sein.

Da das lokale Seniorenfreizeitheim geschlossen werden soll, haben sich rund 50 Rentner dazu entschlossen, die Villa zu besetzen, in der sie sich bislang zu Kartenspiel, Gymnastik und Handwerkerarbeiten getroffen haben. Ein harter Kern der Truppe bleibt auch über Nacht. Die zuständigen Bezirkspolitiker sind überrascht, vorübergehend ist es sogar zu Rangeleien mit dem Hausmeister gekommen. Von hässlichen Zwangsmaßnahmen haben die Ordnungshüter vorerst aber abgesehen.

Ganz eigene Ästhetik des Widerstands

Die mutigen Protestler erfreuen sich unterdessen ihrer ganz eigenen Ästhetik des Widerstands. „Dieses Haus ist besetzt“ steht auf einem selbst gefertigten Transparent. Oder auch: „Wir bleiben“. Nachbarn kommen vorbei und haben Obst, Kuchenblech und Durchhalteparolen dabei. Für die Besetzer ist der spontane Protest indes zu harter Arbeit geworden.

Medienvertreter inspizieren das gediegene Widerstandsnest und bitten um Interviews. „Solche Hausbesetzer hat die Welt noch nicht gesehen“ schreibt die Süddeutsche Zeitung und die taz sprach von Senioren-Occupy.

Tatsächlich sind die aufmüpfigen Wutbürger aus der Stillen Straße in Pankow, wo früher die DDR-Nomenklatura residierte, das Produkt einer prekären kommunalen Sozialpolitik. Die zuständige Sozialstadträtin glaubte, mit der Projektschließung bloß einen Ratsbeschluss zu vollziehen.

Revolutions-Bingo

Die chronisch klammen Kommunen, das hat Berlin mit anderen Städten gemein, können teure Immobilien nicht länger finanzieren. Eine fällige Restaurierung, so rechnet man in Pankow vor, dürfte wohl in die Millionen gehen. Zu dem Plan, die lokalen Angebote für die Senioren auf andere Einrichtungen zu verteilen, sagten die Pankower Alten nun: Nö. Und in der ganzen Republik begeistert man sich an der Aufführung eines frechen Revolutions-Bingos.

Zum vollständigen Bild gehört aber auch der milde Blick der Medien auf den zivilen Ungehorsam. Deutschlandweit erfreut man sich an der geordneten Renitenz, die vor allem eine Rebellion gegen die behördlichen Zwänge ist. Der Übermut der Ämter, wie es in Shakespeares Hamlet heißt, hat wohl nicht mit der Bockigkeit von ein paar freundlichen alten Frauen und Männern gerechnet.

Deren Lust an der Störung ist nun zu einer weithin wahrgenommenen Protestfolklore avanciert, gegen die die Bezirkspolitiker zunächst einmal nur hilflos abwarten können.

Es ist kein Zufall, dass es eine kommunale Verwaltung trifft. Diese ist seit langem das schwächste Glied in der Kette einer rigiden Haushaltslogik, in der zum obligatorischen Sparzwang nur noch bei den sogenannten freiwilligen Leistungen zugegriffen werden kann. Die Freizeiteinrichtung der Wutbürger von Pankow gehörte dazu, und die Lokalpolitiker fügten sich darin, eine exekutive Härte an den Tag zu legen wie Angela Merkel.

Nicht alles mit sich machen lassen

Als gesellschaftliches Phänomen ist die Besetzung aber auch Ausdruck eines demografischen Wandels. Die Spätaktivisten sind nicht von einer existenziellen Not getrieben, sondern von dem Gefühl, nicht alles mit sich machen lassen zu wollen.

Dieter Wedels Fernseh-Mehrteiler „Der große Bellheim“ hatte bereits vor Jahren durchbuchstabiert, was passieren kann, wenn die wirtschaftlichen und sozialen Ressourcen der Alten einfach abgeschoben werden. In Pankow artikuliert sich so gesehen das Unbehagen einer Wohlstandsreserve, die sich mit der behördlichen Funktionslogik nicht einfach abfinden will.

Welle der Sympatie

Das erntet auch deshalb eine Welle der Sympathie, weil die Jungen spüren, dass sie selbst in dieser oder jenen Mühle zu parieren haben. In der allgemeinen Begeisterung für die Rentner von Pankow äußert sich nicht zuletzt der Wunsch, es ihnen einmal nachzutun.

Zur dunklen Seite dieser launigen Widerborstigkeit gehören jedoch Starrsinn und Rechthaberei, die nur allzu leicht einen Michael-Kohlhaas-Charakter annehmen können. Warum aber soll man nicht auch im Alter zu flexiblen Lösungen noch in der Lage sein?

Top-Adresse des urbanen Widerstandstourismus

In Pankow wird ein unterhaltsames Lehrstück gegeben. Das haben wir auch der medientauglichen Lebensklugheit der weiblichen Aktivistinnen zu verdanken. Die rührigen Alten setzen sich gegen die tumbe lokale Macht zur Wehr.

Von den tatsächlichen sozialen Spannungen wird dabei nur sehr wenig erzählt. Mit Geschick und Lebensklugheit führen die bewegten Senioren stattdessen vor, dass authentischer Ausdruck professionellen Verhandlungsjargon schlägt. Die Stille Straße in Pankow hat gute Chancen, in den nächsten Wochen zu einer Top-Adresse des urbanen Widerstandstourismus zu werden.

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