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Leitartikel Der Wunderheiler

Parlamentarier wie Bürger haben das gute Recht zu zeigen, dass sie den Papst für den Vertreter eines autokratischen Regimes halten. Seine Einmischung in das Leben anderer ist eine Zumutung.

17.09.2011 17:12
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Der Papst wird im Bundestag reden. Ich bezweifle, dass das sein gutes Recht ist. Ganz sicher aber ist es das gute Recht eines jeden Bundestagsabgeordneten, selbst zu entscheiden, ob er zu der halbstündigen Rede des Papstes kommt oder nicht. Zu dem guten Recht eines Bundestagsabgeordneten gehört übrigens auch das auf einen Zwischenruf. Einen? Zwei, drei. Man muss also die Entscheidung der mehr als einhundert Abgeordneten, die Papstrede zu boykottieren, auch als Verzicht auf ihr Zwischenrufsrecht betrachten.

Der Boykott ist die unter diesen Umständen höflichste Form des Protestes. Die, die ihn jetzt als „ungehörig“ bezeichnen, scheinen das zu übersehen. Der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt nennt den Boykott gar „undemokratisch und intolerant“. Da haben die Wörter nun jeden Sinn verloren. Man wüsste auch gerne, wieso es „eine große Ehre“ für Deutschland sein soll, wenn der Papst das Parlament besucht. Herr Dobrindt hat ganz vergessen, wer bei uns, wer in einer Demokratie, der Souverän ist.

Dobrindt geißelt auch die sich im Boykott ausdrückende „bodenlose Respektlosigkeit gegenüber dem Papst“. Respekt? Wofür? Was hat er getan, dass ich Respekt haben soll vor ihm? Warum ist es für Dobrindt so selbstverständlich, dass jeder Bundestagsabgeordnete Respekt haben soll vor dem Vertreter eines autokratischen Regimes, vor einem Mann, der behauptet, der Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein? Sind das nicht Behauptungen, durch die er eher Misstrauen als Respekt verdient hat? Es sei denn, man gehört dieser Kirche an. Dann glaubt man das. Vielleicht.

Kardinal Lehmann hat in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau zwar den Boykott kritisiert, aber auch einen ganz anderen Ton angeschlagen: „Kein Papstbesuch ohne Proteste. Das ist Ritual und gehört zu einer modernen, pluralen Gesellschaft. Ich verstehe, dass Menschen ohne ein inneres Verhältnis zur Kirche keinen Sinn dafür haben, wie viel Raum dem Papst öffentlich gegeben wird, und dass sie einen Gegenakzent setzen wollen. Da rate ich zur Gelassenheit.“ Das ist die Stimme der Vernunft. Es wäre gut, die rechte Seite des Parlaments würde auf sie hören und auch die Journalisten, die vielleicht nicht päpstlicher als der Papst, aber doch deutlich klerikaler als der Kardinal reden.

Demokratie und Toleranz – vom CSU-Generalsekretär bei den Abgeordneten eingeklagt – sind Tugenden, die ja nicht gerade aus dem Schoß der christlichen Kirche oder gar des Vatikans erblühten. Also freuen wir uns, wo wir Spurenelemente von ihnen an diesen entlegenen Orten treffen. Auch die Kinder der Aufklärung – darin ähneln sie Gottvater – freuen sich mehr über einen Sünder, der Buße tut, als über hundert Gerechte.

„Der Papstbesuch entzweit Deutschland“ titelt die Berliner Morgenpost. Das ist horrender Blödsinn. Ganze 14 Prozent der Bundesbürger messen – nach einer Forsa-Umfrage – dem Besuch des Papstes in Deutschland eine persönliche Bedeutung bei. Die große Mehrheit der Deutschen – inklusive der Katholiken – findet den Papstbesuch schlicht unwichtig. Keiner glaubt Kardinal Meisner, wenn er in einem Gespräch mit dem Kölner Domradio erklärt: Der Papst sei „wie ein Arzt, der die psychische Lage unseres Volkes heilt. Heilt, was verwundet ist.“

Damit wird der arme Mann deutlich überfordert – und nun gar die halbe Stunde im Bundestag. Das ist Guru-Gerede, das Gegenteil einer Verbindung von Glaube und Vernunft. Der Papst kommt übrigens auch gar nicht als Heilmittel in den Bundestag, sondern in seiner Eigenschaft als Staatsoberhaupt. Ob er sich in seiner Rede an diesen Teil der Einladung erinnern, gar daran halten wird?

Es ist für viele Menschen eine Zumutung, wenn andere ihnen sagen wollen, was richtig und falsch ist. Sie betrachten das als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. Wer das gar im Hauptberuf betreibt, der muss sich gefallen lassen, dass man ihn persönlich und die Institution, für die er arbeitet, genauer, strenger betrachtet, ja beobachtet als die Nachbarin, die über zwei Treppenabsätze brüllt, die Kinder sollten nicht so laut sein.

Das gilt für Greenpeace, für die Treberhilfe, das gilt für Minister und das gilt genauso für Kirchen, die ihre wesentliche Aufgabe darin sehen, einer immer stärker widerstrebenden Öffentlichkeit ihre Ansichten und Werte aufzudrängen. Sie sollen dafür alle demokratischen Möglichkeiten haben. Aber sie müssen begreifen, dass alle diese Möglichkeiten haben. „Schäbig und primitiv“ ist nicht, wer sich dem Monopolanspruch widersetzt, sondern wer glaubt, ihn durchsetzen zu müssen. Wir sollten uns freuen, wie gelassen die Gesellschaft auf vorgebliche Wunderheiler reagiert.

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