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Leitartikel Buchmesse: Die Wonnen der Mühsal

Der deutschsprachigen Literatur geht es gut, der Branche nicht schlecht. Schade, dass Autoren nicht immer etwas davon haben und dass Kinder oft beim Heranwachsen das Lesen verlernen.

Der erfolgreiche Autor Daniel Kehlmann sagte bei einer Lesung, das Schwierigste daran, Schriftsteller zu sein, sei das Schreiben. Dass man sich am Ende tatsächlich hinsetzen müsse und ein Buch verfassen. Das ist klüger und weniger ulkig, als es klingt. Schreiben umfasst das Wegwerfen von Seiten, das Neuschreiben von Anfängen, das Neuschreiben ganzer Bücher. Der Realitätssinn, den Kehlmann hier an den Tag legt, zeigt sich in all den nicht geschriebenen Büchern, von denen Menschen nach Lesungen gern erzählen. Sie haben ja selbst auch so viel erlebt. Der Realitätssinn zeigt sich erst recht in all den geschriebenen Büchern, die besser im Familienkreise geblieben wären, stattdessen aber zuhauf in den Redaktionen einlaufen, wo Rezensenten sie augenrollend beiseite stellen.

Unsympathische Knilche, diese Rezensenten, unbescheidene Leute aber auch diese Autoren. Gemeinsam ist ihnen, dass die meisten von ihnen nicht reich werden damit, dass sie schreiben. Gemeinsam ist ihnen auch das Ringen nach Anerkennung und Meinungshoheit. Es drückt sich in jedem Herbst unter anderem darin aus, dass das Niveau der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ausgelotet wird. Es ist eindrucksvoll hoch. Längst vorbei die Zeit der leider berechtigten Vorwürfe, hier gehe es bloß um WG-Alltag und Beziehungstrara. Vorbei auch der leise Neid auf die britische Literatur, die durch Autoren mit anderen kulturellen Hintergründen belebt wird. Die Liste für den Deutschen Buchpreis hat bei allem Hang zu Autobiografie und Selbstfindung eine Stimmenvielfalt wie nie zuvor präsentiert. Dass eine Schweizer Autorin mit jugoslawischen Wurzeln den Preis gewonnen hat, belegt das nachdrücklich. Naturgemäß steht bereits die Kritik im Raum, es werde viel zu viel einfach nur erzählt. Kritiker können nicht anders.

Die Frankfurter Buchmesse lässt aber Details wie die schlecht bezahlte Mühsal des Schreibens für einen Moment vergessen. Sie lenkt den Blick auf eine Branche, deren einzelne Mitglieder einem Autor zwar gern den Eindruck vermitteln, seine Forderung nach Bezahlung (von Betreuung einmal gar nicht zu reden) seiner Arbeit sei per se die Höhe, die sich aber insgesamt optimistisch zeigt. Im Bereich Belletristik, das dokumentiert der Marktreport des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, steigen die Umsätze bei den Kriminalromanen. Im Bereich Sachbuch machen politische Bücher einen Rückgang bei den historischen Titeln wett. Das ist deprimierend, wenn man bedenkt, dass politische Bücher heutzutage meistens Bücher sind, die von Politikern geschrieben werden (auf deren Deckel also der Name eines Politikers steht). Im Bereich des elektronischen Buchs bemühen sich Buchhandel und Verlage, nicht den Anschluss zu verlieren. Das E-Book, heißt es, habe noch lange nicht zur Folge, dass das gedruckte Buch sterbe. Von friedlicher Koexistenz ist die Rede. Recht so. Dass Leser sich dabei als konservativer erweisen als Musikhörer, dürfte übrigens nicht nur damit zusammenhängen, dass ein gedrucktes Buch ein Statussymbol ist. Es ist vielmehr auch unschlagbar praktisch. Wenn man lesen will.

Der Beginn der Buchmesse am heutigen Mittwoch ist kein günstiger Zeitpunkt, um zum Lesen aufzufordern. Für vieles werden die Menschen in den nächsten Tagen Zeit haben, aber dafür eher nicht. Es soll dennoch geschehen, schon allein, damit von dieser Saison nicht nur die Aufforderung übrig bleibt, das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin gefälligst selbst zu lesen. Würde man zum Beispiel alternativ dazu das Buch „Der falsche Inder“ von Abbas Khider gefälligst selbst lesen oder Melinda Nadj Abonjis gerade preisgekrönten Roman „Tauben fliegen auf“ oder aus Frankreich Marie N'Diayes „Drei starke Frauen“, dann könnte die Debatte um Zuwanderung einige Stufen überspringen und auf einer ganz anderen Ebene überhaupt beginnen. Romanlesen bildet.

Allerdings ist Lesen wie Schreiben eine anspruchsvolle Tätigkeit. Auch sie besteht vor allem darin, dass man es tun muss. Lesen umfasst einen nicht geringfügigen Zeitraum, den man sonst auch beim Sport oder Kochen mit Freunden verbringen könnte. Es umfasst das Nachschlagen im Lexikon (unter Wikipedia), wenn man etwas nicht versteht, das Noch-mal-von-vorne-Lesen, wenn es nicht am einzelnen Wort lag. Erwachsene sollten dieses weite Feld nicht den Grundschülern überlassen, die zumeist noch wissen, was sie an einem guten Buch haben, und die Bestände der Schulbibliotheken – so noch vorhanden – durchlesen. Bevor sie sich an den Erwachsenen ein Vorbild nehmen und damit aufhören.

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